Neuss: Freunde für immer

Neuss: Freunde für immer

Für das RLT hat Nicole Erbe das Stück "Blutsbrüder" über Freundschaft unter Jungen geschrieben und inszeniert.

Das neue Jugendstück des RLT trägt den Titel "Blutsbrüder". Der Begriff scheint ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein. Auch ein Blick in Wikipedia bestätigt das: "Rituelle Verbindung zweier nichtverwandter Männer, die durch zeremonielle Vermischung von Blutstropfen geschlossen wird." Das hört sich an nach Burschenschaften, Kriegskameradschaft oder ähnlichem. Und natürlich nach Karl May. Der ließ seine Helden Winnetou und Old Shatterhand unter Aufsicht des Apatschenpapas vermischtes Blut aus einem Becher trinken, wonach die beiden dann fester zusammenhalten sollten, als wenn sie von Geburt Brüder wären.

Bei späteren Zeremonien reichten zwei angeritzte und gekreuzte Arme. Für unsere Zeit wäre es vielleicht angebracht, den Begriff durch "ziemlich beste Freunde" zu ersetzen, aber auch dieser Ausdruck ist seit dem Film um einen Tetraplegiker und seinen Pfleger etwas anders besetzt.

Ungeachtet solcher Bedenken hat sich Nicole Erbe bei ihrem Jugendstück für "Blutsbrüder" entschieden. Am Sonntag feierte es Premiere. Und gleich zu Beginn wird deutlich, wie sehr der Autorin, die auch Regie führt, der zeitliche Rückbezug bewusst ist.

Umrahmt von Schüleräußerungen über Freundschaft, die auf Video eingespielt werden, lesen die Schauspieler Josia Krug und Richard Lingscheidt den Briefwechsel zweier Jungen aus den 1970 und 1980 Jahren. Man hört also einen Austausch von Nachrichten, der jedem jungen Whatsapp-Nutzer um Lichtjahre zu langsam wäre.

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Für Erbe und ihre hervorragenden Darsteller geht es aber um Dinge, die die Zeiten überdauern. Offenheit und Vertrauen sind der Motor aller echten Freundschaften auf der Welt. Wie aber entwickelt sich ein derartiges Vertrauen zwischen zwei Heranwachsenden? Erbes Inszenierung zeigt, wie es gehen könnte. Auf der Studiobühne reiht sich eine turbulente Szene an die nächste.

Pete und Luis, die beiden Freunde, testen ihre Kräfte und Fähigkeiten. Wer ist der Schnellere und wer ist der Stärkere? Wer traut sich die mutigsten Kunststücke auf dem BMX-Rad zu, und wer hat die verrücktesten Ideen? Ein bunter, raffiniert strukturierter Hügel in der Mitte des Geschehens dient als Rennhindernis, Schrank, Keller oder Dachboden. Bei den gewagtesten Szenen dreht sich eine Warnlampe. Dann plötzliches Innehalten. Und die scheue, verlegene Frage: "Was würdest du machen, wenn ich dein bester Freund wäre?"

Noch ist man nicht reif für eine Antwort. Die Gefühle suchen ihre Sprache, ihren richtigen Ausdruck, den sie aber noch nicht finden. Erst als bei einer weiteren Mutprobe mit einem Sprung ins kalte Wasser der eine von beiden scheinbar ertrinkt, haben Pete und Luis das Bedürfnis, feierlich zu werden. Jetzt ist der richtige Moment für Blutsbrüderschaft, das heißt, eine unauflösliche Bindung über den Tod hinaus. Ist der Freund aber wirklich ertrunken?

In der zweiten Hälfte des gut einstündigen Spiels bleibt das offen. Dafür gewinnen die Dialoge an Ernsthaftigkeit, gepaart mit einem guten Schuss surrealer Komik. "Blutsbrüder sind Freunde für immer", sagt Nicole Erbe, "für immer ist auch für immer, also, solange ich denken kann." Stück und Inszenierung sind ein lange nachwirkendes Erlebnis. Das RLT empfiehlt den Besuch "für alle ab dem 5. Schuljahr". Kaum noch zählbare Applaus-Auftritte für Josia Krug, Richard Lingscheidt und das Leitungsteam.

(NGZ)