Erstmals bleibt Rosellerheide ohne Schützenkönig: Freizeitspaß statt Königswürde?

Erstmals bleibt Rosellerheide ohne Schützenkönig : Freizeitspaß statt Königswürde?

Von Dagmar Kann-Coomann

Von Dagmar Kann-Coomann

Anstelle des beliebten Krönungsballs wird es in diesem Jahr beim Schützenfest in Rosellerheide einen Ball der ehemaligen Könige geben. Der Grund: Zum ersten Mal nach über hundert Jahren hat sich niemand bereit gefunden, der das hohe Ehrenamt für daskommende Jahr übernehmen wird.

Immer schwerer wird die Suche nach Kandidaten, die bereit sind, das Amt des Schützenkönigs zu übernehmen: Schwindet der Gemeinsinn? Ist das Königsamt zu teuer geworden? Oder sind es die Ehefrauen, die vor den zahlreichen Aufgaben zurückschrecken? Schützen ohne König - bald schon Realität? NGZ-Foto: A. Woitschützke

Vergeblich haben die Schützen in ihren Reihen nach einem neuen Königskandidaten gesucht. Probleme haben derzeit auch die Schützenbrüder in Norf: Ob es pünktlich zum Schützenfest im September einen neuen König geben wird, ist noch völlig offen. "Wir hoffen, noch einen Kandidaten zu finden", gibt sich Heinrich Lambertz, Brudermeister der St.-Andreas-Schützenbruderschaft in Norf optimistisch.

In Grefrath schließlich gab es den neuen Schützenkönig Wilhelm Prechters in diesem Jahr erst mit Verspätung: "Es gab nur einen Bewerber, der aber nicht allein auf den Vogel schießen wollte, und es hat ein wenig gedauert, bis wir einen zweiten Kandidaten gefunden haben", erläutert Hans-Josef Göbbels, Präsident der Grefrather St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft. Ist es der Preis der Regentschaft, der die Bewerberzahl drückt?

Oder ist der geforderte Zeitaufwand zu groß? "Der finanzielle Aufwand eines Schützenkönigs wird in aller Regel viel zu hoch geschätzt", erklärt Hans-Josef Göbbels, der selbst bereits zweimal als Grefrather König amtierte: "Oft ist von 20.000 Euro die Rede. Das ist allerdings ein Betrag, mit dem allenfalls ein Neusser Schützenkönig rechnen muss. In Grefrath reicht viel weniger." Weil es zudem zu den Kosten, die dem König für Orden oder die Ausrichtung von Festen entstehen, Zuschüsse von der Bruderschaft gibt, oft auch von der Zug-Gemeinschaft, schließt Göbbels finanzielle Ursachen des Bewerbermangels weitgehend aus.

"In der Regel übernimmt ohnehin die Solidargemeinschaft der Schützen den Hauptanteil der Kosten", weiß auch Simon Kolbecher, Brudermeister der St.-Peter-und-Paul-Schützenbruderschaft von Rosellerheide. "Grundsätzlich hat sich das Freizeitverhalten geändert", weiß dagegen Heinrich Lambertz: "Etwa 150 Termine gibt es für den Schützenkönig im Jahr. Natürlich muss er nicht an allen, aber doch an möglichst vielen teilnehmen. Die erforderliche Zeit dafür haben viele Schützen aus verschiedensten Gründen gar nicht mehr."

Das Schützenfest ohne Krönung und ohne König - was vor zehn Jahren noch als undenkbar galt, was in Rosellerheide erstmals Realität ist und als Damoklesschwert auch über zahlreichen anderen Bruderschaften schwebt, ist nach Lambertz auch die Folge anderer gesellschaftlicher Veränderungen: "Oft sind es die Ehefrauen, die vor dem repräsentablen Amt zurückschrecken. Wachsende berufliche Belastung und unsichere Zukunftsperspektiven macht es vielen Schützen zudem unmöglich, das Amt des Königs zu übernehmen."

Weniger Spontaneität als früher sei insgesamt bei der Entscheidung für die Königskandidatschaft zu beobachten. Nachwuchsprobleme - da sind sich Kolbecher, Lambertz und Göbbels einig - gebe es allerdings nicht: "Unter den 500 aktiven Schützen in Grefrath sind viele Jungschützen", freut sich Göbbels. "Viele feiern gern, lehnen aber zusätzliche zeitliche Belastungen eher ab", weiß Simon Kolbecher und konstatiert: "Leider wird der Gemeinsinn nicht mehr groß geschrieben."

(NGZ)
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