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Freie Autorin Vera Henkel arbeitet in Neuss

Familienforum bietet Schreibwerkstatt an : Literarische Annäherung an Neuss

Die freie Autorin Vera Henkel stammt aus Neuss, blieb aber lange auf Distanz zu ihrer Heimat. Als neue Mitarbeiterin des Familienforum Edith Stein will sie nun in einer Textwerkstatt zur Auseinandersetzung mit Neuss einladen.

Vera Henkel ist in diesem Jahr wieder vor der Kirmes geflohen. Dazu muss man wissen, dass ihre Wohnung am Anfang der Industriestraße liegt, also im Herzen der „Rollmopsallee“. Ausreichend Schlaf und konzentriertes Arbeiten sind Ende August daher kaum möglich. Deswegen ist sie zu ihrem Bruder gezogen, der etwas abseits des Trubels wohnt. Vera Henkel hat nicht nur zum Neusser Schützenfest eine gewisse Distanz. Die Beziehung zur Stadt insgesamt ist ihrer Aussage nach alles andere als leidenschaftlich. Obwohl sie im Dreikönigen-Viertel aufwuchs und das Nelly-Sachs-Gymnasium bis zum Abitur besuchte, orientierte sie sich bislang eher nach Düsseldorf, wo sie 1961 geboren wurde und später Grafik-Design studierte.

Doch das soll sich bald ändern: „Ich wohne in Neuss und muss etwas finden, um mich der Stadt anzunähern“, sagt die freie Autorin. Die Suche scheint vorerst beendet. Die gewollte Annäherung wird sie nun „mit einem Job verbinden“. In wenigen Tagen startet sie im Edith-Stein-Haus einen Kursus für kreatives Schreiben. „Das Thema der durchlaufenden Schreibwerkstatt ist Neuss, also die Heimatstadt der meisten von uns“, so Henkel. „Recherchierend, flanierend, beobachtend wollen wir uns darin unserem Lebensraum annähern – und diese Beobachtungen in kurze Texte gießen, die anschließend in der Gruppe besprochen werden können.“

Das Angebot richte sich an alle Erwachsenen, „die gerne schreiben und dabei gern ein wenig Anleitung aus professioneller Hand hätten“. Der Titel lautet „Neuss-er-schreiben“. „Alle reden von Heimat, wir suchen sie: zwischen den Zeilen, mit neuen Worten, in ungewöhnlichen Sätzen“ - das soll Kern ihres neuen Kurses sein.

Das grobe Thema ist demnach vorgeben: die Stadt am Rhein, ihre Architektur, ihre Bewohner, die lokalen Sitten und Gebräuche. Doch ansonsten sollen sich die Teilnehmer frei entfalten können. Auch wer Surrealistisches, Groteskes zu Papier bringt, wird in der Kursleiterin sicher eine wohlwollende Lektorin finden. So tauchen in ihrem Werk immer wieder sprechende Tiere und Gegenstände auf. Ihr eigener Lieblingstext heißt „Mit den Ziegen durchs Jahr“. Noch in diesem Jahr erscheint bei Grupello ihr neuer Sammelband mit Kurzprosa: „Ein fliehendes Kinn. Texte aus Jahrzehnten“. Darin kommen unter anderem Außerirdische vor, die  nach ihrer Landung auf Erdenbewohner treffen   die wiederum aufs Pizza-Taxi warten. Das klingt  ziemlich abgedreht. „Absurd“ findet die Künstlerin besonders treffend.

Vera Henkel, die nebenbei auch Schüler in „Creative Writing“ unterrichtet, verspricht den Teilnehmern einen Lerneffekt in Wort und Schrift. „Ich kann sehr gut mit Sprache umgehen“, sagt sie und betont das präzise Formulieren. „Nicht schwafeln, sondern auf den Punkt.“ Sprachliche Klischees sind ihr ein Gräuel. Als typisches Beispiel nennt sie „Schmetterlinge im Bauch“ für das Gefühl des Verliebtseins.

Sie selbst sei eine „Erste-Satz-Sammlerin“. Sie geht durch die Landschaft und ihr fallen die Worte ein. An die tausend Zettel mit solchen Anfängen befinden sich schätzungsweise in ihrem Besitz. „Hin und wieder finde ich so einen wieder.“ Während sie dann weiter schreibt, entwickelt sich erst das Thema. „Ich fange nicht mit dem Inhalt an.“