Neuss: Förderpreis geht an "Tandem"

Neuss : Förderpreis geht an "Tandem"

Tandem nutzt den Sport, um Mauern, die gesunde und behinderte Menschen trennen, einzureißen. Hinter dem Projekt steht die Unternehmerfamilie Zülow. Jetzt erhält die Initiative den Förderpreis Stifterkongress NRW.

Ingo Wolf verliert nicht gern. Aber an der Platte hatte der ehemalige Landesinnenminister, immerhin ein vitaler Hockeyspieler, gegen den Behindertensportler Dirk Fink keine Chance. "Du musst nicht traurig sein", tröstete Fink den Verlierer beim ersten Tandem-Tag, damals im Mai 2008 auf Gut Gnadental, "Du bist der bessere Minister und ich bin der bessere Tischtennisspieler." Dass Gesunde und Geistigbehinderte regelmäßig gemeinsam Sport treiben, organisiert die Neusser Stiftung Tandem. Das Ziel: Integration durch Sport.

Die Idee, deren Mentor und Motor der verstorbene Unternehmer Burkhard Zülow war, ist fortan preisgekrönt: Die Neusser Stiftung Tandem erhält den mit 5000 Euro dotierten "Förderpreis Stifterkongress NRW", den der Kompetenzkreis Stiftungen und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in diesem Jahr erstmals ausgeschrieben haben. Die Preisverleihung findet am Donnerstag (7.) im Rahmen des Stifterkongresses im Düsseldorfer Industrieclub statt.

Jutta Zülow (59) setzt das sportliche Behindertenprojekt ihres Mannes Burkhard fort. Der habe immer nach der Devise gelebt: "Wer auf der Sonnenseite lebt, der muss denen die Hand reichen, denen es nicht so gut geht." Im Klartext: Wer über die finanziellen Möglichkeiten verfüge, der müsse sich sozial engagieren. Dem stimmt die erfolgreiche Unternehmerin bedingungslos zu: "Man darf von der Gesellschaft nicht nur nehmen, man muss auch geben." "Scheckbuch-Kultur" lehnt sie ab, lieber arbeitet sie jeden zweiten Tag zumindest eine Stunde für ihre Stiftung: "Andere gehen golfen. Ich kümmere mich um Tandem."

Handarbeit ist Jutta Zülow wichtig. Auch den persönlichen Umgang mit den behinderten Sportlern hält sie für unverzichtbar. Doch ohne Moos wäre auch bei Tandem nichts los. Die Zinserträge, die das Stiftungskapital von 50 000 Euro erlöst, bleiben in der Stiftung. Die jährlich 25 000 Euro, die für die konkrete Projektarbeit erforderlich sind, sammelt Jutta Zülow bei Geschäftspartnern ein. Rund die Hälfte der Summe legt sie selbst in die Spendenkasse: "Die Finanzierung für die nächsten vier Jahre ist fix."

Die Tandem-Anfänge reichen in die 1990er Jahre zurück. Als Burkhard Zülow hörte, dass Behindertensportler vor der Absage ihrer Teilnahme an den Special-Olympics standen, weil sie die Fahrtkosten nicht zahlen konnten, sprang er ein — geräuschlos. Aus dem Kontakt zu den behinderten Sportlern wurde eine Freundschaft, aus der Initiative im Vorjahr schließlich eine Stiftung.

Die Stiftung finanziert an drei Schulen für geistig Behinderte und den benachbarten Regelschulen, dass junge Menschen gemeinsam Sport treiben. Der Sport ist das Instrument, um gegenseitige Akzeptanz und Toleranz zu fördern. Erfolge stellen sich in den drei Schwerpunkt-Sportarten Kanu, Radsport und Judo ein. Das Voltigieren lieben die Kinder, weil Pferde keinen Unterschied zwischen gesunden und behinderten Menschen machen.

Viele Geschäftsfreunde tragen die Stiftungsidee der Unternehmerfamilie Zülow mit. Aber auch leistungsorientierte Sportler. Im Kuratorium wirkt Marcus Ehning mit. Der Mannschafts-Olympiasieger von Sydney ist mit Zülow-Tochter Nadia verheiratet. Behinderte Sportler erweisen sich als leistungswillig und leistungsfähig. Diese Erfahrung machte Jutta Zülow jetzt auch im Beruf. Ein limitierter junger Mann entwickelte sich im Praktikum so gut, dass er jetzt von ihr einen Ausbildungsvertrag erhält. Dabei war er bereits für eine Behinderten-Werkstatt vorgesehen. "Wir können es uns nicht länger leisten, Leistungswillige abzulehnen, nur weil sie behindert sind", sagt Jutta Zülow, "der Facharbeitermangel, aber insbesondere die Menschlichkeit zwingen uns, umzudenken."

Jutta Zülow hat längst umgedacht. Sie geht für die Aktion "Wirtschaft pro Schule" in die Förderschulen und übt mit den Mädchen und Jungen Vorstellungsgespräche: "Da habe ich sogar Schüler gefunden, die weniger Rechtschreibefehler machen als Schüler der Regelschulen." Sie weiß, dass Behinderte mit Leistung überraschen können — nicht nur ehemalige Minister an der Tischtennisplatte.

(NGZ)