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Neuss: Filmerfolg auf der Bühne

Neuss : Filmerfolg auf der Bühne

Als eine der wenigen Bühnen in der Bundesrepublik inszeniert das Rheinischen Landestheater Fatih Akins "Gegen die Wand". Regisseurin Esther Hattenbach versucht gar nicht erst, den Film zu imitieren.

Man kann es drehen, wie man will: Einen Film für die Bühne zu bearbeiten, ist entweder ein Zeichen von Mut oder von überschätzter Größe. Nun hat sich Esther Hattenreich den grandiosen Film "Gegen die Wand" von Fatih Akin für eine Inszenierung am RLT nicht selbst ausgesucht, aber sie hat sich zugetraut, was RLT-Intendantin Bettina Jahnke sich ausgedacht hat. Und beide haben's richtig gemacht. Jahnke, weil sie erkannte, dass die Geschichte des ungleichen Paares Cahit und Sibel wunderbarer Bühnenstoff ist, und Hattenbach, weil sie gar nicht erst versucht, mit den Bildern des Films zu konkurrieren, sondern ganz auf die der Geschichte innewohnende Erzählkraft setzt.

Wo der Film mit Bildern, mit harten Schnitten und Großaufnahmen Atmosphäre und Sogkraft entwickelt, setzt die Regisseurin auf das Wort. Sie lässt beschreiben, was nicht zu sehen ist, und weil das von ihren Schauspielern perfekt umgesetzt wird, entstehen Bilder im Kopf und halten sich auch neben denen des Films. Knapp 90 Minuten dauert die Aufführung, gute 20 Minuten weniger als der Film. Und wenn der Regisseurin und ihrer Dramaturgin Barbara Noth überhaupt ein Manko vorzuhalten ist, dann dieses: Der Schluss kommt allzu unvermittelt.

Sibel, eine 18-jährige Türkin aus konservativer Familie, ist eine lebenshungrige Frau, die sich ihre Freiheit von der Heirat mit dem rund 20 Jahre älteren Chahit erhofft. Der ist ein völlig kaputter Typ, hält sich nur noch an der Flasche fest. Dass er sich den Tod seiner Frau aus Hirn und Herz säuft, lässt die Inszenierung jedoch allzu offen. Aus der Zweckgemeinschaft entwickelt sich eine Liebe, die in Blut und Gewalt endet:

Chahit erschlägt (unabsichtlich) einen Liebhaber von Sibel. Die Inszenierung bleibt dabei im Vagen, was im Film ganz klar und wesentlich ist: Sibel und Chahit haben einander ihre aufkeimende Liebe bis dahin noch gar nicht eingestanden, geschweige denn miteinander geschlafen.

Das passiert bei Fatih Akin erst, als Cahit nach drei Jahren Haft entlassen wird und Sibel in Istanbul aufsucht. Dorthin war sie vor der Rache ihrer Familie geflüchtet, hatte sich fast zugrunde gerichtet. Als Cahit kommt und alles ins Wanken bringt, lebt sie mit Freund und Tochter jedoch in gesicherten Verhältnissen. Sie verbringen einen Tag und eine Nacht miteinander, aber Sibel entscheidet sich buchstäblich im letzten Moment, nicht mit Chahit zu gehen.

Hattenbach und Noth haben Sibels Odyssee in Istanbul komplett gestrichen, lassen die vormals sprühende, lebenslustige Sibel von jetzt auf gleich als gesetzte Frau im netten Kleidchen auftreten. Da fehlt es der Figur an Entwicklung – selbst ohne Film im Kopf. Dass diese letzten Minuten den überzeugenden Gesamteindruck genauso wenig schmälern wie die überstrapazierte direkte Umsetzung des "Gegen die Wand"-Laufens, ist auch den Darstellern zu verdanken. Emilia Haag als Sibel und Michael Putschli sind die Idealbesetzung für die Rollen. Auch Christiane Nothofer als Friseurin Maren, Matthias Brüggenolte als Seref sowie André Felgenhauer (Sibels Vater), Michael Großschädl (Sibels Bruder), Stefan Schleue (Niko) und Henning Strübbe (der Italiener) machen ihre Sache wunderbar. Für sie hat Geelke Gayken eine Bühne gebaut, die an einem trapezförmigen, grauwandigen Schacht erinnert. Ein passender Nicht-Ort für diese kraftvolle und absolut (schau-)spielstarke Aufführung.

(NGZ)