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Neuss: Filmemacher hilft Flüchtlingen in Afrika

Neuss : Filmemacher hilft Flüchtlingen in Afrika

Die Arbeit an seinem jüngsten Film hat Spuren besonderer Art hinterlassen. Marcel Kolvenbach ist monatelang in den Anden unterwegs gewesen, hat unter Koka-Bauern gelebt und ihre Not kennengelernt, aber er blieb dabei der, als der er auch hingefahren ist: ein Dokumentarfilmer. Mit seinem jüngsten Projekt, ein Film mit seinem Kollegen Pagonis Pagonakis über Flüchtlinge in afrikanischen Lagern, der am Montag in der ARD ausgestrahlt wird, hat sich das geändert: "Die Geschichten der Flüchtlinge haben uns so erschüttert, dass wir einen Verein gegründet haben", sagt der Neusser.

Vor drei Jahren ist Kolvenbach mit seiner Familie nach Uganda übergesiedelt, nach Kampala, in die Heimatstadt seiner Frau, und erst jetzt wieder zurückgekommen. "Erst mal auf Dauer", sag er lächelnd, denn die Kinder sollen in Neuss zur Schule gehen. Dass die beiden aber die Heimat ihrer Mutter mit deren Familie genauso auch als die ihre empfinden wie die Neusser Heimat des Vaters, ist den Eltern wichtig. Das war auch ein Grund dafür, für drei Jahre in Uganda zu leben — obwohl, so sagt es Marcel Kolvenbach, "wir mit einem Bein auch immer in Neuss geblieben sind". Ihre Wohnung hat die Familie zum Beispiel nicht aufgegeben und ist öfter zu längeren Besuchen gekommen.

Das Ehepaar Kolvenbach hat den Aufenthalt in Kampala auch beruflich genutzt. Sie hat ihr in London abgeschlossenes BWL-Studium um ein Post-Graduate-Studium in Entwicklungspolitik ergänzt, und er hat Filme gedreht. Und darunter eben auch "Gefährliche Helfer — Sexuelle Gewalt von UN-Soldaten", der ein Tabu-Thema berührt und von Frauen und Kindern erzählt, die in Flüchtlingslagern unter "sexueller Ausbeutung" leiden. Kolvenbach benutzt ganz bewusst diesen Ausdruck statt "sexuelle Gewalt", spricht von einem "Netzwerk, in dem sich Interessen beider Seiten verweben".

In den Lagern lebten die Menschen viel zu lange, sagt er. "Zwischen zehn und 20 Jahren, ohne Perspektive und angewiesen auf Hilfe von außen." Die werde zwar verschickt, aber verschwinde oft genug auf dem Weg ins Lager: "Es fehlt dort an allem", sagt er, und so ergebe sich oft die Situation, dass Frauen sich aus purer Verzweiflung hergäben, um an Medikamente, ärztliche Behandlungen oder Geld für ihre Kinder heranzukommen. Sie werden abhängig von den Blauhelm-Soldaten, die als Helfer gekommen sind, aber sich der Frauen auch bedienen. "Die Soldaten bekommen die Nähe, die sie vermissen, und die Frauen das Geld, das sie zum Leben brauchen."

Der UN-Zentrale sei das Problem bekannt, geht mit einer Null-Toleranz-Politik gegensolche Fälle vor, aber für Kolvenbach lässt sich das "systemische Problem" nur lösen, wenn die Flüchtlinge die Lager schneller verlassen könnten oder sich selbst versorgen lernten.

An diesem Punkt will er mit dem Verein "United Help for Refugees" (Vereinte Hilfe für Flüchtlinge) ansetzen. Er konzentriert sich auf direkte Hilfe für die Menschen in drei Lagern in Kenia und im Kongo. Im Sinne der Prävention werden für Frauen in einem kenianischen Lager Maschinen für die Pelletproduktion bereitgestellt, so dass sie nicht mehr zum Holzsammeln in den Wald gehen müssen (wo sie oft vergewaltigt werden). Im Sinne der Rehabilitation will der Verein Frauen, die sich und ihre unehelichen, oft halbweißen Kinder ernähren müssen, eine Anschubfinanzierung leisten, damit sie sich eine Nähmaschine oder einen Essenwagen anschaffen können. Und im Sinne der Information soll das Zeitungsprojekt eines afrikanischen Journalisten in einem UN-Lager unterstützt werden, der den "Flüchtlingen eine Stimme gibt".

(NGZ/ac)