Interview: „Festlicher Abend ist beste Sympathiewerbung für Neuss“

Interview : „Festlicher Abend ist beste Sympathiewerbung für Neuss“

Der Bürgermeister spricht über die Freundschaft zu Russland, über abschmelzendes Stadtvermögen und über urbanes Leben in der City.

Herr Bürgermeister, Russland ist in diesem Jahr Partnerland zum Festlichen Abend der Stadt Neuss. Fiel die Wahl auf Russland, weil Neuss seit Jahren intensive Beziehungen zur Partnerstadt Pskow unterhält?

Herbert Napp Russland gehört zu den bedeutenden Staaten der Welt. Ich bin froh, dass die Beziehungen unserer Stadt Neuss nach Russland traditionell so gut sind. Das belegt nicht zuletzt die lebendige Städtefreundschaft, die wir mit Pskow pflegen. Die Partnerschaft haben wir offiziell 1990 beurkundet, die Anfänge reichen aber bis ins Jahr 1988 zurück. Das ist jetzt 25 Jahre gelebte Freundschaft. Ich finde, dieses Jubiläum ist ein guter Grund beim Festlichen Abend, um mit unseren russischen Freunden anzustoßen.

Botschafter Wladimir M. Grinin hat seine Teilnahme am Festlichen Abend zugesagt. Warum kommen die Spitzendiplomaten — auch der Großmächte — so gern nach Neuss?

Napp Weil Neuss eine gastfreundliche Stadt ist ... Mit dem russischen Generalkonsul Jewgenij Schmagin, der in Bad Godesberg residiert, pflegen wir sehr gute Kontakte. Auch mit der russischen Botschaft in Berlin. Und unter Freunden nimmt man ja nun einmal Einladungen auch gern an. Mit unserem Festlichen Abend betreiben wir als Stadt auch ein wenig Außenpolitik. Ich formuliere es einmal so: Wir machen Sympathiewerbung. Es ist aber auch richtig, dass wir etwas Glück gehabt haben. Unser erstes Partnerland war China, und Botschafter Ma Carong hat unsere Einladung damals angenommen. Damit hat er für uns die Eintrittskarte für alle Botschaften gelöst. Wie sehr US-Botschafter Philip D. Murphy, seine Amtszeit lief im Spätsommer aus, uns Neussern zugetan war, ist ja bekannt. Ich freue mich, dass Neuss bei den diplomatischen Vertretungen der großen Nationen auf der Landkarte steht.

Themenwechsel. Tauchen wir in den Alltag der Kommunalpolitik ein. In ihrer Eröffnungsbilanz hat die Stadt ein Eigenkapital von nahezu 900 Millionen Euro ausgewiesen. Gleichzeitig können Sie derzeit keinen ausgeglichenen Haushalt ohne Griff in die Rücklagen vorlegen. Ist Neuss nun eine reiche oder eine arme Stadt?

Napp Wir sind 2007 mit einem Eigenkapital von 896,7 Millionen Euro als vermögende Stadt gestartet. Da wir aber ein strukturelles Defizit haben, müssen wir Jahr für Jahr gut zehn Millionen Euro zuschießen. Ergebnis: Unser Eigenkapital ist auf 810 Millionen Euro Ende 2013 abgeschmolzen. Das ist kein Grund zur Panik, zeigt aber, wo das enden wird, wenn wir nicht gegensteuern: in der Verschuldung.

Am Gewerbesteueraufkommen kann es nicht liegen. Rund 150 Millionen Euro bedeuten eine gute Kennziffer: 1000 Euro Gewerbesteuer pro Einwohner. Warum kommt die Stadt mit ihrem Einkommen nicht aus?

Napp Den Kommunen wurden in den jüngsten Jahren immer mehr Soziallasten aufgebürdet. Stichworte sind unter anderem die Unterbringungskosten für die Hartz-IV-Empfänger und die Zahlungen für die Eingliederungshilfen. Das steckt keine Stadt so einfach weg.

Wird die Haushalskonsolidierung letztlich erfolgreich sein?

Napp Wir dürfen uns nicht von Einmaleffekten wie der Rückzahlung aus dem "Aufbau Ost" oder den möglichen Einnahmen aus dem Verkauf des Möbelhaus-Grundstückes blenden lassen. Das sind angenehme finanzielle Verbesserungen, aber sie schließen das strukturelle Defizit nicht. Da müssen wir unbeirrt unseren Weg weitergehen.

Was heißt das konkret?

Napp Aufgabenkritik und sparsame Haushaltsführung. Der Umbau der Verwaltung muss weiter vorangetrieben werden. Dazu zähle ich, dass Kitas von der Unternehmensgruppe Lukaskrankenhaus geführt werden, dazu zähle ich, dass das Gebäudemanagement und der Bauverein abgestimmt gesteuert werden. Das bringt Synergien. Die Parteien sollten auf Wahlgeschenke verzichten. Eine Senkung der Grundsteuer B ist nicht drin.

Am ersten Adventswochenende war die Neusser City voll. Hat sich Neuss als Einkaufs- und Dienstleistungsstandort gemausert?

Napp Ja. Wenn ich aus dem Rathaus-Fenster schaue, sehe ich pulsierendes Leben. Die Urbanität lässt aber immer auch noch interaktive Begegnungen zu. Die Neusser kennen sich noch. Ich freue mich über diese sehr positive Entwicklung.

Wie sehen Sie das Wechselspiel zwischen City und Rheinpark-Center?

Napp Das Rheinpark-Center wird immer mehr zu einem Magneten. Das ist gut so, denn auf diesem Weg bleibt Kaufkraft in Neuss und auswärtige Kaufkraft wird angelockt. Ich bin froh, dass wir das Rheinpark-Center haben. Gleichzeitig bewegen die Innenstadt-Akteure sehr viel. Die ZIN-Initiative um Christoph Napp-Saarbourg ist dabei, eine strategische Dachmarke zu schaffen. Neuss ist lebendig, spannend. Ja, wir sind auf einem guten Weg.

... und rücken ans Wasser ...

Napp Das wird nun mit der Fertigstellung des Kopfgebäudes am Hafenbecken I für jeden sichtbar. Der Prozess läuft gut, ist aber noch nicht abgeschlossen. Wir werden noch besser werden. Der städtebauliche Konflikt zwischen Wohnen und Industrie an dieser Nahtstelle scheint beherrschbar. Wenn auf dem Werhahn-Gelände gebaut wird, arrondiert sich das Gesamtensemble, das durch eine Brücke, die das Hafenbecken I überspannt, verbunden wird. Auf der Hafenmole I errichtet Pierburg einen modernen Industriebetrieb und zugleich schaffen wir mit dem Park einen öffentlich zugänglichen Übergang. Das passt.

Warum ist die Öffnung ans Wasser in Ihren Augen so ein großer Wurf?

Napp Wir überwinden eine Schneise. Als solche wird die Verkehrsachse Batteriestraße doch empfunden. Östlich des Hauptstraßenzuges am Hafenbecken entwickelt sich urbanes Leben, und wir beziehen das Wasser mit ins Stadtbild ein. Das tut der Atmosphäre in der Stadt gut und rührt den Hafen als wirtschaftliches Herz der Stadt nicht an.

Ludger Baten führte das Gespräch

Hier geht es zur Bilderstrecke: So schön war der "festliche Abend" in Neuss 2013

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