Rhein-Kreis Neuss: Festival Alte Musik überschreitet musikalische Grenzen

Rhein-Kreis Neuss : Festival Alte Musik überschreitet musikalische Grenzen

Das Eröffnungskonzert in der Klosterbasilika Knechsteden war der tragischen, mythischen Figur "Kassandra" gewidmet.

Grenzen auslotende Spurensuche war geradezu das Thema des Eröffnungskonzertes des Festivals Alte Musik in der Knechtstedener Klosterbasilika. "Kassandra", die tragische Figur der griechischen Mythologie, wurde zum Thema zwischen Krieg und Frieden. Die tragische Figur der griechischen Mythologie, die in Aischylos' "Orestie" Böses ahnt, aber ob ihrer Hilflosigkeit verzweifelt.

Als "Bach-Pasticcio" hat Festival-Leiter Hermann Max verschiedene Komponisten zu diesem neuen Werk zusammengestellt, blieb nach eigenen Worten mit den Texten vom Trojagetümmel zwischen Bachs Messe hart an der "Grenze zur Blasphemie" und scheute auch musikalische Grenzüberschreitungen nicht.

Tänzerisch fröhlich führt zunächst die Ouvertürensuite "Sperantis gaudia" ins Thema ein. Auf den wahren Ernst der Lage macht das "Kyrie" aus der großen "h-Moll-Messe" von Johann Sebastian Bach mit herzzerreißenden Erbarmensbitten aufmerksam. Eine Bass-Arie aus der "Friedens-Cantata" des Wuppertaler "Bach", Johann Michael, skizziert mit viel Paukenwirbel Kriegsschrecken. Der mächtige Bass Markus Flaig war allerdings kaum zu verstehen und die Texte im ausgezeichneten Programm wegen der Dunkelheit in der Basilika nicht zu verfolgen. Das beeinträchtigte noch mehr die textlastige Alt-Arie aus der Kantate "Cassandra" von Johann Christoph Friedrich Bach, einem der vier komponierenden Bach-Söhne. Zudem blieb Margot Oitzinger in den tiefen Lagen blass.

Schließlich bittet der Chor mit dem "Dona nobis pacem" — wiederum aus der "h-Moll-Messe" um Frieden. Dafür entschädigten die Solisten, besonders Veronika Winter (Sopran) und Martin Post (Tenor), eine exzellent singende "Rheinische Kantorei" und das konzentriert aufspielende Orchester "Das kleine Konzert".

Mitglieder der Rheinischen Kantorei machten dann die folgende Uraufführung zu einem bejubelten Erlebnis. Für das Festival schrieb der 1955 in Düsseldorf geborene und Meerbusch lebende Komponist Thomas Blomenkamp "Kassandra" für 16 Stimmen, Pauken und Schlagzeug. Der prominente Komponist der Gegenwart gab von ihm ausgewählten Aischylos-Zitaten in solistischen Motiven Glanz, im eruptiven Tutti Dramatik. Die komplizierte, nur von Profis auszuführende (A)Tonalität, wird vornehm zurückhaltend von vielfältigem Schlagwerk begleitet, das aber zugleich die Einsamkeit Kassandras illustriert. Dazu passten wunderbar die bizarren "Märsche, um den Sieg zu verfehlen" für Blasorchester und Schlagzeug von Mauricio Kagel. Händels "Utrechter Te Deum" beschließt die Spurensuche, für die es langanhaltenden Applaus gab.

Den verdiente sich auch der "Tölzer Knabenchor" beim zweiten, deutlich besser besuchten Konzert des Festivals. Der weltberühmte Chor gab unter der Leitung von Ralf Ludwig einen klanglich berauschenden Überblick über romantische Chorsätze und Hymnen und brillierte mit doppelchörigen Motetten von Johann Sebastian Bach.

"Das Festival Alte Musik Knechtsteden erstaunt mit einer nie dagewesenen musikalischen Breite", hatte Ute Schäfer, NRW-Kulturministerin und Schirmherrin des Festivals bei der Eröffnung gesagt. Und der künstlerische Festivalleiter Hermann Max ergänzte: "Mit unseren diesjährigen Programmen machen wir den Mund auf und zeigen, dass zwischen Intoleranz und Toleranz ein weites Feld menschlicher Abgründe liegt."

(NGZ)