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Feierstunde erinnert an Euthanasie-Opfer aus Neuss

Am Holocaust-Gedenktag : Erinnerung an Euthanasie-Opfer aus Neuss

An einer kleinen Stele auf dem Gelände des St.-Josef-/St.-Alexius-Krankenhauses wurde am Donnerstag der Opfer gedacht, die im Zuge des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten getötet wurden.

Erst durften die Ordensfrauen nicht darüber sprechen und nach dem Zweiten Weltkrieg konnten viele ihre Erschütterung nicht in Worte fassen: „Die Schwestern sollten Platz für Verwundete schaffen und mussten Gruppen von Patienten zur Verlegung zusammenstellen – an Orte, an denen sie nie angekommen sind“, beschreibt Schwester Celina, Generaloberin der Neusser Augustinerinnen, die Weltkriegsjahre, als aus den Heil- und Pflegeanstalten ihres Ordens und dem der Alexianerbrüder Menschen mit Behinderung verschwanden, die im Zuge des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten getötet wurden.

An sie wurde am Donnerstag, dem Holocaust-Gedenktag, der nach den Worten des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog auch ein Gedenktag für alle Opfer des NS-Regimes sein soll, in einer kleinen Feierstunde an einer Stele erinnert, die 2018 am Eingang zum Friedhof auf dem Gelände des St.-Josef-/St.-Alexius-Krankenhauses errichtet wurde.

Alleine die Schaffung dieser Stele sei der Augustinus-Gruppe, heute Träger dieser Fachklinik, hoch anzurechnen, meint Franz-Josef Haas, katholischer Seelsorger für Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen im Rhein-Kreis Neuss. Aber man müsse weitergehen. Sein Wunsch wäre, sagte Haas, wenn dieses dunkle Kapitel endlich wissenschaftlich aufgearbeitet würde.

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Versuche dazu gab es, weiß Martin Kresse, der der Grünen-Fraktion in der Landschaftsversammlung Rheinland angehört. Er verfügt über den Schriftwechsel, den der Orden der Alexianerbrüder im Jahr 2000 mit dem Bundesarchiv in Berlin führte. Das versuchte damals im Zuge eines „Inventar der Geschichte“ genannten Projektes, Material über die Euthanasie-Verbrechen und Krankenmorde zu sichern. Die Alexianer hatten inhaltlich wenig beizusteuern. Im Kellerarchiv des längst aufgelösten Konvents fanden sich damals zwar Karteikarten mit den Namen von 330 Patienten, die verlegt wurden „und nicht zurückgekehrt sind“. Doch in 309 Fällen, heißt es im Antwortschreiben, gab es nur „(fast) leere Aktendeckel.“ Weiter heißt es, man habe „den eigenen Anteil an den damaligen Ereignissen versucht aufzuarbeiten“. Anlass dazu bot die 1988 gezeigte Ausstellung „Heilen und Vernichten im Nationalsozialismus“ der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Köln.

Haas und seine evangelische Kollegin Eva Brügge suchen nach einem aktiven Erinnern, das nicht museal sein dürfe. Denn Fanatismus und die mit ihm einhergehenden Verblendungen seien zeitlos. „Sie treten immer wieder auf, gerade in Krisenzeiten“, sagte Brügge. Die von den Krankenhausseelsorgern initiierte Feierstunde fand in dieser Form erstmals an der Stele statt. Nach ihrem Abschluss waren die Klinikmitarbeiter eingeladen, aus weißen Rosen ein „Gesteck der Erinnerung“ mitzugestalten.