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Neuss: Fahrverbot sorgte für "steinzeitliche Ruhe"

Neuss : Fahrverbot sorgte für "steinzeitliche Ruhe"

Vor 40 Jahren mussten die Deutschen die Autos stehen lassen. Erinnerungen an das erste Sonntagsfahrverbot im Jahr der Ölkrise.

Die Scheichs waren Schuld, dass der Schulchor vor 40 Jahren auf meinen glockenreinen (wirklich!) Sopran verzichten musste. Denn weil das Ölembargo der arabischen Länder die Deutschen zum Energiesparen zwang, wurde am 25. November 1973 zum ersten Mal ein Sonntagsfahrverbot verhängt. Statt beim "Tag der Hausmusik" in meiner Penne mit dem Chor aufzutreten, hing ich deshalb in Welschen Ennest fest, wohin uns unsere Eltern mitgenommen hatten. Ein Wochenende lang zog sich ihr Familienkreis dorthin zu Exerzitien zurück. Der Name dieses Dorf im Sauerland ist noch immer ein Synonym für Langeweile — und untrennbar mit dem ersten autofreien Sonntag verbunden.

Auch Schwester Josefa gehört zu denen, die eine wache Erinnerung an diesen Tag haben, als die Deutschen ihre Autos stehen lassen mussten. An diesem 25. November 1973, dem Christkönigssonntag, legte sie im Kloster Immaculata der Neusser Augustinerinnen die ewigen Gelübde ab. "Für mich stand fest, dass ich an diesem autofreien Sonntag keinen weiteren Besuch bekommen würde", erzählt sie, ihre Mutter war deshalb schon einen Tag früher gekommen. Doch bei der Gratulation nach der Festmesse erlebte die Ordensfrau eine Überraschung: "Eine größere Gruppe aus meinem Heimatort Büttgen war mit einem Sonderbus an diesem, eigentlich autofreien, Tag angereist." Der Pfarrer hatte das mit einer Sondergenehmigung organisiert und trug dazu bei, dass der Tag für Schwester Josefa unvergesslich bleiben wird.

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Hans Steinhauser war vor 40 Jahren Mitarbeiter in der Fahrkartenausgabe des Bahnhofs Grevenbroich. Ausgerechnet für diesen Sonntag hatte die Bahn im Residenz-Theater Grevenbroich eine Film-Matinée organisiert. "Als dann das Fahrverbot bekannt wurde, hatten wir überlegt, die Veranstaltung abzusagen", erinnert er sich. Doch schon der Vorverkauf lief so gut, dass die Matineé stattfand — und Steinhauser konnte die Besucher en passant informieren, wie die Bahn dazu beiträgt, die Folgen dieser Ölkrise zu bewältigen.

Auch darüber berichtete tags drauf die NGZ, die auf der ersten Lokalseite eine völlig leere A 57 zeigte. Leer, obwohl noch am Samstag beim Straßenverkehrsamt all jene Anrufer die Drähte glühen ließen, die eine Ausnahmegenehmigung haben wollten. Keine einzige wurde an diesem Tag erteilt, und so war in der NGZ von einer "steinzeitlichen Ruhe in Stadt und Kreis" zu lesen. In das mischte sich allerdings Hufgetrappel, als die Reitschule Hauser mit einer großen Abteilung über die autofreie Erprather Straße ritt.

 Schwester Josefa mit Überraschungsgästen aus Büttgen.
Schwester Josefa mit Überraschungsgästen aus Büttgen. Foto: Privat

Diesem ersten folgten drei weitere autofreie Sonntage. An einem davon, dem 2. Dezember, wurde Herta Reinhart 21 Jahre alt. Die große Party zur Volljährigkeit musste ausfallen, statt dessen feierte die Familie das Ereignis am Samstag in Neuss vor. Um Mitternacht mussten die Studentin und ihr Mann Karl-Theo, den sie kurz vorher geheiratet hatte, wieder in Aachen sein. Dicker Nebel erschwerte die Fahrt, die beide mit ihrem R 4 natürlich erst auf den letzten Drücker angetreten hatten. Über schon menschenleere Straßen und teilweise im Schritttempo ging es zurück, immer die Angst im Nacken, es nicht zu schaffen und erwischt zu werden. Die angedrohte hohe Geldstrafe hätten die Studenten nämlich nicht bezahlen können. "Punkt Mitternacht erreichten wir unser Zuhause", berichtet Herta Reinhardt. "Und ich war endlich erwachsen."

(NGZ)