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Experten in Neuss entwickeln Online-Therapie für psychisch Kranke

Alexius/Josef-Krankenhaus in Neuss : Experten entwickeln Online-Therapie für psychisch kranke Menschen

Professor Ulrich Sprick, Chefarzt am Alexius/Josef-Krankenhaus, über Wege der Psychiatrie in der Corona-Krise. Mit einem Expertenteam in Neuss entwickelt er ein Verfahren für eine Online-Therapie.

Zuhause bleiben ist angesichts der Corona-Pandemie die Aufforderung an uns alle. Was bedeutet das für Menschen mit psychischen Erkrankungen, die im Ambulanten Zentrum sowie den Tageskliniken am Alexius/Josef-Krankenhaus Hilfe suchen?

Ulrich Sprick Für die Patienten in den Kliniken und Tageskliniken sowie deren Angehörige ist das Besuchsverbot zum Teil sehr hart. Denn Besuche sind ein Zeichen der Verbundenheit und somit ein wichtiger Faktor in der Therapie. Die therapeutischen Angebote im Ambulanten Zentrum gibt es weiterhin, allerdings unter den gebotenen Sicherheitsvorkehrungen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Sprick: Therapeut und Patient wahren einen Sicherheitsabstand von zwei Metern. Und seit über einer Woche tragen wir auch eine Maske zum Schutz unseres Gegenübers.

Müssen deshalb Therapie-Angebote runtergefahren werden?

Sprick: Nur zu einem geringen Teil. Wir haben natürlich auch Mitarbeiter im homeoffice und statt persönlicher Gespräche gibt es deutlich mehr telefonische Therapien. In der ambulanten Versorgung haben wir derzeit etwa 40 Prozent Telefonkontakte. Es verändert sich einiges. So werden wir in ein bis zwei Wochen die ersten audiovisuellen Therapien durchführen können.

Sie haben bereits Erfahrung im Bereich der Online-Psychotherapie und eine Studie zu dem Programm „Net-Step“ abgeschlossen. Wird dieses Therapieangebot zu Zeiten von Corona ausgeweitet?

Sprick: Nein, das therapeutengeleitete Programm „Net-Step“ wird aktuell neu programmiert und angepasst. Wir nutzen gegenwärtig vor allem das „Go-Stress“-Programm. Es ist noch vielseitiger und bietet unterschiedliche Module zu Krankheitsbildern wie Angst- und Schlafstörungen, Depressionen, Alkoholsucht, Sorgen- und Grübelzwang. Diese Trainings wurden von Wissenschaftlern der Leuphana Universität Lüneburg entwickelt. Dabei handelt es sich um eins der am besten wissenschaftlich untersuchten und getesteten Programme.

Warum dauert es noch, bis Sie die Online-Therapien umsetzen können?

Sprick: Wir müssen eine Technik einsetzen, die umfangreiche Datenschutzbestimmungen sicherstellt sowie hohe Sicherheitsstandards erfüllt. Solche Programme kann man nicht einfach im App-Store runterladen. Auch Skype oder ähnliche Kommunikationstools sind dafür nicht geeignet. Uns ist zudem wichtig, dass wir nicht nur sichere, zertifizierte Programme nutzen, sondern dass die Rechenserver in Deutschland oder Europa stehen.

Es hapert also noch an der technischen Umsetzung?

Sprick: Da sind wir schon sehr weit. Wir haben sogar den Luxus, einen eigenen Programmierer vor Ort zu haben. Es gibt andere Schwierigkeiten: So brauchen wir beispielsweise leistungsfähige Computer und eine entsprechende WLAN-Ausstattung vor Ort. PCs sind zur Zeit auf dem Markt ähnlich begehrt wie Schutzausrüstung.

Wie läuft die Online-Psychotherapie dann konkret ab?

Sprick: Bei „Net-Step“ kommunizierten Therapeut und Patient über schriftliche Nachrichten. Innerhalb von maximal 48 Stunden reagierte der Therapeut auf Mails bzw. schriftliche Eingaben. Mit unseren audiovisuellen Medien werden dann Face-to-Face-Verbindungen möglich sein.

Die nordrheinische Ärztekammer hat sich Ende 2018 für eine Lockerung der Regelungen zur ausschließlichen Fernbehandlung ausgesprochen. Was ist daraus geworden?

Sprick: Das wurde zwar geändert, spielte 2019 aber noch keine große Rolle. Zwar dürfen bis zu 20 Prozent der Therapien mittlerweile online angeboten werden, doch nur wenige Therapeuten haben dies bislang genutzt.

Woran liegt es? Lehnen Patienten Online-Therapien ab?

Sprick: Im Gegenteil. Eine Studie zu „Net-Step“ belegte, dass ein hoher Prozentsatz der Patienten sehr zufrieden damit war.

Was waren die Gründe dafür?

Sprick: „Net-Step“ lief ja über eine schriftliche Kommunikation. Die damit einhergehende Termin-Ungebundenheit bewerteten viele positiv. Ebenso die Tatsache, dass niemand mitbekommt, dass man eine Klinik oder einen Therapeuten aufsucht. Auch für die Therapeuten gibt es Vorteile. Da ohnehin schon schriftlich kommuniziert wurde, waren die Dokumentationspflichten quasi schon erledigt.

Zahlen die Kassen inzwischen auch die Online-Psychotherapie?

Sprick: Das ist die große Crux. Bislang wurde nur ein kleiner Teil der Online-Therapien übernommen, und zwar von bestimmten Kassen, die per Selektivvertrag für jeweils ein bestimmtes Programm zahlten. Aber ich gehe davon aus, dass die Kassen jetzt eine breitere Palette von online-Therapieangeboten übernehmen werden – insbesondere unter den gegenwärtigen Bedingungen.