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Neuss: Etwas anderer Lesezirkel nur mit Frauen

Neuss : Etwas anderer Lesezirkel nur mit Frauen

Seit 29 Jahren treffen sich sieben Frauen, um in ihrem Literaturkreis über Bücher zu sprechen. Mittlerweile haben sie schon mehrere hundert Bücher gemeinsam gelesen und darüber geredet. Dort geht es um viel mehr als das bloße Lesen.

Sportlehrer Eugene "Bucky" Cantor ist eine traurige Gestalt. Er ist unzufrieden mit seinem Leben, weil er sein Heimatland, die USA, nicht im Zweiten Weltkrieg verteidigen darf. Stattdessen passt er in den Sommerferien auf Kinder auf. Als eine Polioepidemie sich in der Stadt breit macht und viele seiner Schützlinge erkranken, wird Cantor dafür verantwortlich gemacht. Sein Leben gerät vollends aus den Fugen, als er selbst an Kinderlähmung erkrankt. Und über allem steht die Frage: Warum?

"Die Frage nach dem Warum ist es auch, die uns bei dem Buch ,Nemesis' von Philip Roth, dessen Protagonist Cantor ist, so beschäftig", sagt Marie-Luise Keysers. "Ich habe vorgeschlagen, dass man das Buch noch ein zweites Mal lesen könnte, um der Antwort näher zu kommen." Keysers ist eine von sieben Frauen eines privaten Literaturkreises, den Ulla Rosen vor gut 29 Jahren gründete. Seitdem treffen sich die Frauen einmal im Monat, wenn sie nicht durch Urlaub oder Krankheit verhindert sind, so wie Rosen jetzt.

Vor 29 Jahren war sie es, die über einen Aushang in einer Buchhandlung nach "Mitleserinnen" suchte. "Sie hatte Lust, Bücher mit anderen zusammen zu lesen und auch darüber zu sprechen", erzählt Boa Vester, die unter den ersten war, die sich auf den Aushang hin meldeten. Am Anfang war der Literaturkreis noch nicht so beständig. Einige Damen haben die Runde wieder verlassen, andere sind hinzugekommen. Seit 20 Jahren ist die Truppe allerdings unverändert.

Die Treffen richtet immer ein Mitglied des Literaturkreises aus. Dieses Mal ist es Barbara Bircks, deren Bibliothek beeindruckende Ausmaße hat. "Das geht reihum", erzählt Anne Holt, die auch im Neusser Stadtrat sitzt. Sie ist die einzige Expertin in der Runde, hat sie doch Germanistik studiert. "Wir sind aber Liebhaberinnen", erzählen die anderen Damen im Chor.

Bevor sie sich bei ihren Treffen mit einem Buch beschäftigen, wird erst mal gefrühstückt und über Privates geplaudert. "Das muss auch sein", findet Bircks. Erst danach geht es um das aktuelle Buch. Meistens kommen die Vorschläge für lesenswerte Bücher aus dem Kreis selbst. Die Bücher werden dann bis zum nächsten Treffen gelesen. "Jede markiert sich Stellen, die sie gerne laut vorlesen möchte und über die geredet werden soll", sagt Keysers. "Das laute Vorlesen ist ganz wichtig, das geht schon mal unter die Haut. Da erinnert man sich zum Teil auch an private Situationen, die man in dem Buch wiedererkennt", ergänzt Holt.

Wichtig sind auch die Gespräche, die die Frauen über die Bücher führen. Dort kommen vielfach auch persönliche Sachen zur Sprache, die mit dem Buch in Zusammenhang stehen. So kann Boa Vester beispielsweise aus ihrem Sportstudium berichten: "Ich habe damals beim Speerwerfen einen Musikstudenten kennengelernt. Der war so von der Ästhetik des Speerwerfens begeistert, dass er sich mit mir als Speerwerferin verabredet hat." Das Speerwerfen ist in Roths Buch ein tragendes Symbol. Es werden im Literaturkreis aber auch Dinge besprochen, die den Leserinnen im Buch begegnen und sie berühren. "Da braucht man eine Vertrauensbasis, die haben wir hier", sagt Holt.

(NGZ)