Neuss: Erfinder der neuen Kirchenmusik

Neuss: Erfinder der neuen Kirchenmusik

Gregor Linßen gilt als Experte für das Neue Geistliche Lied und hat konkrete Vorstellungen zu Musik und Inhalt.

Der Neusser Komponist Gregor Linßen (51), einer der bedeutendsten populärmusikalischen Kirchenkomponisten (er hat gerade die Aussendungsfeiern der Aktion "Ein Licht von Bethlehem" musikalisch geleitet) weiß genau, wie wichtig Musik gerade in der Weihnachtszeit ist. Sehr gelassen reagiert er daher auch auf die Frage, was von der ständigen Berieselung mit Weihnachtsmusik in der Adventszeit auf Weihnachtsmärkten und in Kaufhäusern zu halten ist. "Das ist Wohlfühlgeräusch, es ist letztlich egal, was dort läuft", meint er.

Problematisch ist für ihn nur die ständige Wiederholung, die schnell zur Sättigung führe: "Sie blockiert dann das Nachdenken über Advent und Weihnachten!" Zum Beispiel über die damit verbundene Vision eines friedlichen Zusammenlebens. "Man sollte den Advent leise beginnen, um bis Weihnachten immer fröhlicher und bunter zu einem großen glücklichen Fest des Friedens, auch in der Familie, zu kommen." Er vergleicht das mit einer Licht-Show, bei der man auch nicht gleich zu Anfang 100 Prozent einsetze, denn sonst könne man das Finale nicht zum Strahlen bringen.

Der schon mal als "Andrew Lloyd Webber der Kirchenhäuser" titulierte Komponist, der mit seiner Hymne "Venimus adorare eum" für den Weltjugendtag 2005 in Köln den ersten Preis gewann, hat selbst in seinen Oratorien wertvolle Weihnachtsmusik geschrieben ("Wo ist Bethlehem" oder "Mit brennender Geduld"), aber schon gehört, dass seine Musik oftmals als zu schwer empfunden wird.

"Einige Lieder sind es auch", gibt er zu, "das sind dann eher gesungene Rezitationen als gemeindetaugliche Lieder." Sein Faible für Paul Simon, Peter Gabriel und Sting sei wohl der Grund, dass seine Songs gelegentlich zu anspruchsvoll gerieten, meint er. "Aber wer mit mir Workshop macht, merkt schnell, dass meine Lieder nicht kompliziert sind. Sie sind Sprache. Das Innerste, was mir bei einem Lied wichtig ist, ist der Text, das Begreifen von Inhalten." Natürlich müsse man das üben. "Dann singt eine Gemeinde sogar ein Gloria im 7/8tel-Takt, weil die Sprache diesen Takt vorgibt."

Der "Kirchenraumkünstler", wie Gregor Linßen sich auch selbst bezeichnet, weil er alle Gestaltungsmöglichkeiten eines zeitgemäßen Gottesdienstes einschließlich der Illumination am liebsten selbst in Händen hält, ist viel beschäftigt. Zurzeit arbeitet er an einem größeren Werk, seinem fünften Oratorium, es heißt "Die sieben Gaben". Sein jüngstes Theateroratorium "Psalm 2016" wurde im vergangenen Jahr zusammen mit dem Theater Gildenast in der Leipziger Oper uraufgeführt. Eine Neusser Aufführung gibt es am 5. Mai nächsten Jahres in der Dreikönigenkirche, der Kartenvorverkauf läuft bereits. Auch Vorbereitungen für den Deutschen Katholikentag 2018 in Münster fordern den Komponisten.

Nahezu beendet ist die Arbeit am "Neusser Chorprojekt", wie es in Fachkreisen bereits genannt wird. Neusser Kantoren haben es vor drei Jahren angestoßen, Gregor Linßen und der 81-jährige Colin Mawby (Westminster Cathedral/London), der bedeutendste englische Komponist katholischer sakraler Musik, arbeiten bei diesem Projekt zusammen. Beide komponierten für das "Concert-Prayer" mit dem Titel "Veni Creator Spiritus" eigenständige Teile und entwickelten für das Finale ein Ritornell, dessen sechs Vertonungen eine gemeinsame siebte ergeben. Linßen drückt das so aus: "Ein Traditionalist englischer Kathedralmusik und ein Narr deutscher Kirchenmusik schreiben gemeinsam ein Stück."

(NGZ)