Neuss: Einmal auf dem Eierdieb sitzen

Neuss: Einmal auf dem Eierdieb sitzen

Fast jedes Neusser Kind hat schon einmal auf dem Eierdieb gesessen, und ist darauf fotografiert worden. Diese Tradition gibt es schon, seit das Kunstwerk von Oswald Causin in den 30er Jahren aufgestellt wurde.

Jeder Mensch hält sein Leben in Bildern fest, in Ereignissen wie Schulanfang, dem ersten Kind oder Geburtstagen. In den Fotoalben der Neusser kommt noch ein spezielles Motiv hinzu: Der Eierdieb – "ein Klassiker", findet Norbert Thomsen. Der Neusser ist von seinen Eltern oft auf dem bronzenen Schwan fotografiert worden, denn die Familie lebte in der Nähe des Stadtgartens, wo die Figur seit dem Jahr 1934 steht. Eines der ältesten Fotos zeigt den kleinen Norbert auf dem Vogel sitzend, ein Schnappschuss, zum Verschicken an Oma und Opa.

Vorbild "Wilder Hans"

Als "volksnahes Kunstwerk" lobt der Neusser Kulturamtsleiter Harald Müller das Werk von Oswald Causin, der den Schwan mit dem davonlaufenden Jungen genau dort aufstellte, wo er die Inspiration für sein Kunstwerk gefunden hatte: am Weiher des Stadtgartens. Causin hatte dort einen kleinen Jungen beobachtet, der aus dem Nest eines brütenden Schwanenpaares ein Ei stibitzt hatte. Doch der Schwanenvater, im Volksmund damals "Wilder Hans" genannt, nahm die Verfolgung auf und biss dem Lausejungen in den Po.

Causin, geboren 1893, war eigentlich Düsseldorfer, und in den 1920er Jahren weniger für verspielte Plastiken als für bildhauerische Porträts bekannt. Nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf war er 1921 von dem Neusser Unternehmer Walter Renard – Causin hatte dessen schwerkranke Tochter mit einer Büste verewigt – in die Gesellschaft der Quirinusstadt eingeführt worden.

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Causin wurde bekannt, die Zahl der Aufträge stieg, und schließlich zog er an der Schorlemer Straße in ein Wohn- und Atelierhaus, wo er später auch eine Familie gründete. Die Porträts, die Causin in den folgenden Jahren anfertigte, lesen sich wie ein "Who is Who" der Neusser Prominenz. Die Familie Thywissen ist genauso darunter wie die Hüppers, Werhahns und Geyrs. Modelliert in Bronze, Gips, Alabaster und Marmor, waren Causins Arbeiten sehr geschätzt und regelmäßig in Ausstellungen zu sehen. Als Modelle hatten es ihm insbesondere Kinder angetan. Sie nannten den Bildhauer, dessen Arbeit sie kaum verstanden, das "Knetemännchen".

Ein geknetetes Modell des Eierdiebs war es auch, das die Neusser Stadtverwaltung überzeugte, das Kunstwerk von dem Jungen und dem Schwan für den Stadtgarten zu bestellen. Doch Anfang der 30er Jahre fehlte das Geld – und so entwickelte sich der Eierdieb von Beginn an als volksnahes Werk, finanziert aus Spenden der Bürger. Die nahmen den Eierdieb nach der Fertigstellung sofort in Besitz. So gern saßen die Kinder darauf, dass bereits nach einigen Jahren die Bronzeplatte an der Statue durchgescheuert war und erneuert werden musste. Die Beliebtheit seines Werks blieb Causin also nicht verborgen, auch wenn er wegen des Krieges nach Hessen umziehen musste, wo er 1953 starb.

"Heute ist das Kunstwerk ein Wahrzeichen", sagt Norbert Thomsen, der immer noch gerne zum Eierdieb zurückkehrt, mit dem so viele Kindheitserinnerungen verknüpft sind. Und der auch künftig für viele Neusser ein Bild sein wird, das ihr Fotoalbum zu etwas ganz Besonderem macht.

(NGZ)
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