Neuss: Eine Ministerin aus Weckhoven

Neuss : Eine Ministerin aus Weckhoven

Seit Svenja Schulze (SPD) Wissenschaftsministerin ist, übernachtet sie wieder regelmäßig bei den Eltern in Weckhoven. Das spart Zeit, denn die Neusserin wohnt heute in Münster. Ein Gespräch darüber, wie alles begann.

Als Ministerin kehrt sie nachts dorthin zurück, wo sie groß wurde: Das Elternhaus von Svenja Schulze, die SPD-Urgestein Fritz Behrens einst als "unsere kleine Schavan" vorstellte, steht an der Erprather Straße in Weckhoven; am Gymnasium Norf machte sie ihr Abitur. Seit sie vor einem Jahr vom Ministerpräsidentin Hannelore Kraft als Wissenschaftsministerin ins Kabinett geholt wurde, steuert Schulze wieder häufiger Weckhoven an — sie übernachtet werktags meist bei den Eltern, die jetzt an der Hoistener Straße wohnen. "Nach Münster ist es unter der Woche zu weit", erklärt Schulze, die längst in der westfälischen Universitätsstadt zu Hause ist. Sie stellt auch aber klar: "Natürlich bin ich Neusserin. In der Stadt bin ich aufgewachsen."

Eine Neusserin hat Karriere gemacht — von vielen in ihrer Heimatstadt nahezu unbemerkt. Sie war Schülersprecherin, Juso-Chefin in NRW und Asta-Vorsitzende (Allgemeiner Studenten-Ausschuss) in Bochum und leitet jetzt das Ressort Innovationen, Wissenschaft und Forschung. Ein Ministerium, an dessen Spitze schon klangvolle Namen standen: Johannes Rau, Hannelore Kraft oder auch zuletzt Andreas Pinkwart. Neusser erinnern sich an Svenja Schulze. Mit Wohlgefallen verfolgt ihr damaliger Schulleiter Rolf Wörhoff (73) ihren Weg, bezeichnet sie als "beachtliche Schülersprecherin", die mutig und kämperisch" sei. Auch der damalige Kreis-Verbindungslehrer Christian Rulfs (66) bescheinigt der heutigen Ministerin mit Neusser Wurzeln "politisches Talent, weil sie die Fähigkeit besitzt, Dinge zu sortieren und zu strukturieren".

Svenja Schulze fährt gern mit dem Fahrrad — nicht erst, seit sie in Münster wohnt. Mit dem Rad war sie schon damals in Neuss unterwegs und hat die Stadt erkundet, die sie als quicklebendig in Erinnerung hat und keineswegs als betulich und langsam. Dass die CDU in Neuss seit über 60 Jahren die gestaltende politische Kraft ist, kommentiert Schulze mit einem Augenzwinkern: "Neuss wird seit der Römerzeit von der CDU regiert." Das beeinträchtigt ihre Liebe zur Stadt nicht, das hielt sie aber auch nicht davon ab, der SPD beizutreten. In Neuss begann ihr politischer Lebensweg. Mehr noch: Sie gewann Reiner Breuer, den heutigen Vorsitzenden der SPD-Ratsfraktion, für die Partei: "Anscheinend war ich überzeugender als andere." Versuche von Klassenkameraden, Breuer für die CDU oder die FDP anzuwerben, scheiterten.

Svenja Schulze kämpfte in ihren politischen Anfängen für die erste Neusser Gesamtschule, sie warb für den Gedanken, Unternehmen, die keine oder zu wenige Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, zur Kasse zu bitten. Den damaligen Slogan hat sie sofort parat: "Wer nicht ausbildet, wird umgelegt." Ihr bisher größtes Erfolgserlebnis als Ministerin? Sie muss nicht lange nachdenken: "Ich durfte die Studiengebühren abschaffen."

(NGZ)