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Neuss: Eine Großstadt kämpft gegen den Lärm

Neuss : Eine Großstadt kämpft gegen den Lärm

Elvekum zählt mit. Nacht für Nacht, wenn vor allem Güterzüge auf der Strecke Köln-Kranenburg mitten durch das Dorf rattern, führt die Interessengemeinschaft Elvekum über jede Fahrt zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens Buch.

"86 waren es in der Nacht zum Mittwoch, 83 in der Nacht darauf", bilanziert Cornelius Otten am Freitag die jüngsten Werte. Dabei ist es kein statistisches Interesse von Eisenbahnfreunden, das die Nachbarschaft antreibt, sondern die Sorge um die Gesundheit der Menschen in diesem besonders lärmgeplagten Dorf. Hilfe kann nur von außen kommen — aber nicht über den Lärmaktionsplan, der im Rathaus als Entwurf ausliegt.

Neuss und der Lärm. Das ist ein Thema mit mehr Facetten, als der Lärmaktionsplan Kapitel hat. Der Nachbarschaftslärm, also der Lärm von der Geburtstagsparty nebenan, ist nicht behandelt. "Wie auch?", fragt Thorsten Siebert, im Umweltamt zuständig für die Themen Lufthygiene und Lärmschutz. "Soll ich den Nachbarn Lärmkontingente zuordnen und sie nur drei Mal im Jahr grillen lassen?"

Aussagen zum Miteinander macht zwar das Landes-Immissionsschutzgesetz, aber darauf lässt sich keine Strategie gründen. Ähnlich liegt der Fall bei den Sport- und Freizeiteinrichtungen wie Schießständen oder Fußballplätzen. Ärgerlich für die Nachbarn — aber eben nur periodisch. Auch der Lärm aus Hafen und Industrie bleibt unberücksichtigt. Er wird erst im nächsten Jahr erhoben, wenn die Stufe II des Lärmschutzaktionsplanes gezündet wird.

Nein, im ersten Anlauf geht es um den Verkehrslärm. Einen Lärm, der immer da ist, Tag und Nacht, mal lauter, mal leiser. Ihn drücken imposante Zahlen aus: 110 000 Flugbewegungen am Flughafen Düsseldorf, 75 000 Zugdurchfahrten allein auf der Strecke Köln-Kranenburg, 13 Autobahnen und Fernstraßen, auf denen im Jahr mehr als sechs Millionen Autos und Lastwagen gezählt werden, 16 000 am Tag. Nur, wie soll man all dem beikommen?

"Es ist unglaublich schwer", gibt Siebert zu. Zumal die Stadt, der eine EU-Richtlinie angesichts dieser Verkehrsströme die Erstellung des Lärmschutzaktionsplanes auferlegt, zwar zuständig aber nicht weisungsberechtigt ist.

Beispiel Fernstraßen und Autobahnen: Die plant, baut und unterhält der Landesbetrieb Straßen NRW im Auftrag von Bund und Land. "Wenn der Tempo 100 auf der Autobahn oder den Einbau von Flüsterasphalt vorschlägt, befürworten wir das natürlich", sagt Siebert. Fordern kann die Stadt das aber nicht. Allerdings wurden und werden im Zusammenhang mit der Verbreiterung der A 57 viele Kilometer Schallschutzwände und -wälle errichtet — zuletzt in Norf und aktuell im Bereich der Morgensternsheide.

Beispiel Bahn: "Neben dem Straßen- ist der Schienenverkehr ein bedeutender Lärmerzeuger in Neuss", erklärt Siebert, aber die Bahn lässt sich zu Nichts verpflichten. "Man kann von der Bahn enttäuscht sein", räumt Siebert auch mit Blick auf die Elvekumer ein, die für einen Lückenschluss in ihrer Schallschutzwand kämpfen.

Andererseits errichte sie für zwölf Millionen Euro Schallschutzwände auf einer Länge von 7,5 Kilometern. Eine freiwillige Anstrengung, bezahlt vom Bund. Auf diese Linie ziehen sich Bahnmitarbeiter auch zurück, wenn sie der Neusser Politik Rede und Antwort stehen — und die Stadt kann in ihrem Lärmschutzaktionsplan nicht mehr tun als auf zwei Seiten werbend aufzulisten, was grundsätzlich möglich wäre.

Beispiel Flughafen: "Das Fluglärmschutzgesetz betrifft Neuss nicht", sagt Siebert. Die Messstelle an der Mühlenbachstraße in der Nordstadt registriert zwar nachts einen Überfluglärm von bis zu 50 Dezibel, bleibt aber noch unter dem Nacht-Schwellenwert von 60 dBA, den das Land für Lärmschutzpläne vorgegeben hat. Folge, so Siebert: "Wir haben nichts in der Hand, um gegenüber dem Flughafen da etwas einzuklagen."

Grundlage für die städtische Arbeit war eine Lärmkartierung, die das Landesamt für Umweltschutz vorgenommen hat. Die orientierte sich bei ihren Berechnungen an den Straßen, über die täglich mehr als 16 000 Autos rollen. Zuletzt wurde dieses Verkehrsaufkommen durch eine Zählung im Juni bestätigt.

Weil in der Stufe zwei des Aktionsplanes dieser Auslösewert halbiert wird, die Stadt sich also in ihrem Konzept Gedanken für Straßen mit 7000 - bis 8000 Autos täglich machen muss, hat die Stadt eigene Berechnungen zum Umgebungslärm angestellt.

So weist der Aktionsplan zum Beispiel aktuell für Kaarster und Venloer Straße Handlungsbedarf aus, nimmt aber auch schon Teile der angrenzenden Gladbacher Straße ins Visier. Die wäre in Stufe II dabei. So wollte sich die Stadt vor Überraschungen schützen, nennt Siebert einen Grund. Andererseits kann schon gesehen werden, ob schon vorab etwas getan werden kann. Siebert: "Warum soll der Bürger warten?"

Neben der Tangente in der Nordstadt wurden zwölf weitere Straßenabschnitte als besonders verkehrs- und damit lärmbelastet identifiziert. Leidtragende: rund 900 betroffene Anwohner an Rheintorstraße, Hammer Landstraße, Friedrich- und Schorlemerstraße, Jülicher, Bonner, Kölner und Bergheimer Straße, der Bundesstraße 1 in Höhe Kloster Kreitz aber auch an Erprather Straße/Am Lindenplatz.

Dort wird die Stadt die Geschwindigkeitsbeschränkung von 50 auf 30 Stundenkilometer absenken. Eine Maßnahme, die den Lämpegel um bis zu vier dB und damit deutlich hörbar absenkt. Ein größerer Effekt ließe sich nur durch den Einbau von "Flüsterasphalt" erzielen.

Trotzdem ist dieses Tempolimit die einzige Anordnung dieser Art im Stadtgebiet. Auf Ausfallstraßen wie der Bergheimer Straße ist das nicht ohne weiteres möglich, sagt Siebert. Für die Friedrichstraße hätte man auch Tempo 30 vorgeschlagen, fügt er hinzu, aber da gilt diese Regelung schon. Vorgegeben aus Gründen der Lufthygiene und verankert im Luftreinhalteplan.

Mit dem Lärmschutzaktionsplan würden "unglaubliche Erwartungen geweckt", weiß Thorsten Siebert. Erwartungen, die die Stadtschnell kaum einlösen kann. In kleinen Schritten zu einer allgemeinen Verbesserung kommen, sei das Ziel, sagt Siebert. Dazu wird viel Geld nötig sein — und viel Geduld.

(NGZ)