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Neuss: Eine Frau geht ihren Weg und lernt zu reden

Neuss : Eine Frau geht ihren Weg und lernt zu reden

RLT-Chefin Bettina Jahnke hat Simon Stephens' Stück "Harper Regan" inszeniert und einen dichten Theaterabend geschaffen.

Harper Regan zeigt, wie es geht. Einfach abhauen. Ohne Gepäck, ohne Altlasten. Und dass man sich selbst zwar immer mitnimmt, aber trotzdem etwas ändern kann, zeigt Simon Stephens in einem perfekt gebauten Stück, dessen schlichter Titel markiert, um wen sich alles dreht: "Harper Regan".

In der Inszenierung von Bettina Jahnke am RLT ist Linda Riebau diese Frau, die etwas tut, was keiner von ihr erwartet. Sie lebt mit ihrem Mann Seth und Tochter Sarah am Rand von London, hält mit ihrem Job die Familie über Wasser, denn Seth arbeitet nicht. Nicht, weil er nicht will, sondern irgendwas ist da, was die Familie zum Umzug gezwungen hat und es ihm schwermacht, einen Job zu finden.

Was das ist, erfährt man erst, als Harper Regan im Innern aufbricht und redet. Denn das ist etwas, was in dieser Familie keiner so richtig kann. Das Familienleben wird von Alltäglichkeiten zusammengehalten. Der Vater übt mit Sarah für die Schule und kümmert sich um den Haushalt, die Mutter arbeitet, aber jeder ist für sich. Jahnke hat dafür eine sehr artifizielle, gleichwohl absolut konsequente Haltung gefunden, die sich über die Körpersprache mitteilt. Stephens Stück ist ein einziger Dialog, aber wenn die Figuren reden, ist das kein Mit-, sondern ein Nebeneinander. Jahnke stellt sie meterweit auseinander, das Gesicht ist beim Sprechen weggedreht. Einzig Emilia Haags Sarah darf etwas ungestümer und heftiger sein — was indes genau auch zu einer verunsicherten 17-Jährigen passt.

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Die an Eisschollen anmutende Treppenkonstruktion im Bühnenbild von Rachel Seitz ist der Spiegel. Denn in der Familie Regan ist jeder sein eigener Eisberg. Seth merkt man dank des exakten Spiels Stefan Schleue in jeder Sekunde seiner wenigen Auftritte an, dass er innerlich zerstört ist. Aber er hat sich einem Schicksal ergeben, von dem er glaubt, es nicht mehr beeinflussen zu können. Er liebt Harper — auch das sieht man, aber traut sich nicht, die Distanz zu ihr zu überwinden.

Die Mauer zwischen beiden kann nur Harper einreißen. Und sie schafft es, indem sie erst mal weggeht. Weil ihr Vater im Sterben liegt, seit dem Umzug hat sie ihn nicht mehr gesehen, will sich mit ihm versöhnen. "Mein Held", wie sie später sagen wird, aber ihr Chef will ihr nicht frei geben für die Reise. Und so haut Harper einfach ab. Zwei Tage nur und das Ziel verfehlend, denn der Vater ist schon tot, als sie ankommt. Aber sie begegnet Männern, in einer Bar, in einem Hotel, redet mit der Mutter, lernt die Wahrheit über den gar nicht so großen Heldenvater zu akzeptieren. Begegnung für Begegnung ändert sich ihre Haltung. Sie wird offener, taut auf. Es hat etwas Atemloses, Linda Riebau, die ihre Figur nicht eine Sekunde aus der Hand lässt, bei dieser kleinstdosierten Verwandlung zuzusehen. Sie kehrt zurück und bringt Hoffnung mit. Nicht übertrieben, aber sie ist da.

Übertrieben ist nur, dass das Videobild mit der Eisberglandschaft im Hintergrund jetzt zum Film wird und das Kalben eines Eisbergs zeigt. Viel zu symbolträchtig für diese unaufgeregte, packende Inszenierung.

(NGZ)