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Neuss: Eindringliches Spiel über die Wahrheit

Neuss : Eindringliches Spiel über die Wahrheit

Die Kleine Compagnie der Alten Post zeigt das Stück "Jesus von Texas" nach dem Buch von DBC Pierre. Die Anfangsszene beherrscht ein Geräusch, das irgendwie vertraut, trotzdem aus einer anderen Welt ist. Der Schüler Vernon Gregory Little sitzt an seinem Schreibtisch und tippt auf einer alten Schreibmaschine. Schon bald wird er dabei aber von seinem Freund Jesus Navarro gestört. Unvermittelt beginnt dieser eine Diskussion über die grundsätzlichste aller philosophischen Fragen: die nach der Existenz der objektiven Wahrheit.

Über dem gesamten Stück "Jesus von Texas" nach dem Buch von DBC Pierre, das Jale Maria Gönenc mit der Kleinen Compagnie der Alten Post neu einstudiert hat, schwebt fortan diese Frage. Jesus Navarro begnügt sich nämlich nicht mit dem Sinnieren über die Wahrheit, er schafft grausame Realität: Er erschießt 16 seiner Mitschüler um sich anschließend selbst zu richten. Nur sein bester und einziger Freund Vernon überlebt aufgrund eines peinlichen körperlichen Leidens. Denn während Jesus mit dem Schießen beginnt, sitzt Vernon auf der Toilette. Das rettet ihm das Leben, aber er gerät schnell in den Fokus der Ermittlungen. Schließlich will die Öffentlichkeit möglichst schnell einen Schuldigen haben, an dem lustvoll Rache geübt werden kann.

Antreiber der Hetzjagd auf Vernon ist der selbstverliebte CNN-Reporter Eulalio Ledesma, dem es gelingt, Vernon in die Todeszelle und sich selbst an die Spitze eines Medienunternehmens zu bringen. Sein größter Coup: er treibt das Reality Show-Format bis ins Letzte und lässt seine Zuschauer darüber abstimmen, welcher Todeszellenkandidat als nächstes hingerichtet werden soll.

Die nicht chronologische und damit sehr dynamische Inszenierung ist voller wirksamer Einfälle. Apart ist zum Beispiel eine Unterhaltung zwischen Vernon und seiner Freundin Taylor Figueroa. Die beiden sitzen auf der Couch, gestikulieren, bleiben aber stumm. Ihre Gedanken werden von jeweils drei am Bühnenrand stehenden Schauspielern ausgesprochen.

Und Vorsicht: auch die Zuschauer werden beim Spiel einbezogen. Das Premierenpublikum hat diesen Verfremdungseffekt aber nicht übelgenommen, wie der begeisterte Applaus bewies.

Info Nächste Termine 27., 28. April,3., 5., 10., 11. Mai, jeweils 20 Uhr, Alte Post

(NGZ/ac)