1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Ein wütender Hamlet

Neuss : Ein wütender Hamlet

Mit einer zeitgenössischen Inszenierung des wohl bekanntesten Dramas von Shakespeare, "Hamlet", gastierte das polnische Teatr Zeromskiego beim Festival im Globe. Bestimmt wird es von lautem Furor.

Hamlet erschießt Polonius von Angesicht zu Angesicht und am Schluss auch Stiefvater Claudius. Laertes erwürgt Hamlets Mutter Gertrude, aber wenigstens Ophelia scheint gestorben zu sein, wie Shakespeare es einst vorsah: Sie ertrinkt. Zumindest wird das so berichtet. Einen recht wirren "Hamlet" hat der polnische Regisseur Radoslaw Rychcik mit seinem Ensemble vom Teatr Zeromskiego aus Kielce in Szene gesetzt. Einen, bei dem sich zum ersten Mal beim internationalen Shakespeare-Festival auch deutlich zeigt, dass die Sprache auf der Bühne doch ein mächtiges Werkzeug ist.

Denn gespielt wird natürlich in Polnisch, das zwar in Übertiteln in Shakespeares Sprache übersetzt wird, die aber in dermaßen schneller Folge aufblitzen, dass mancher Satz kaum zu Ende zu lesen ist, bevor schon der nächste erscheint. Wer Hamlet also nicht kennt, dürfte Probleme gehabt haben, der Geschichte zu folgen. Und wer Hamlet kennt, mag sich manchmal gefragt haben, an welcher Stelle des Stücks er gerade ist...

Radikal in jeder Hinsicht hat Rychcik das Stück durchgebürstet. Szenen verändert und in die Figurenzeichnung eingegriffen, weil er nur die Extrakte herausholen will. Die Geschichte mit dem Geist von Hamlets ermordeten Vater, der seinen Sohn zur Rache auffordert, wird nur behauptet, nicht gespielt. Allein es geht darum, Hamlet als jungen Menschen zu zeigen, der vor allem eines ist: wütend. Wütend bis zur Haltlosigkeit, aber zugleich auch weinerlich und egoistisch. Ein unfertiger Mensch, der in der kalten Atmosphäre des Königshofes von Dänemark mit dem macht- und herrschaftsbewussten Stiefvater Claudius und der unnahbaren Mutter Gertrude gegen Wände rennt. Äußerlich macht Rychcik das deutlich, indem er Hamlet in kurze Hosen, T-Shirt und Kniestrümpfe steckt. Auch Ophelia und ihr Bruder Laertes haben eher kindliche Züge; nur Hamlets Freund Horatio wirkt erwachsen, darf einen Anzug tragen, und seine dunkle Sonnenbrille soll ihm wohl etwas Unheimliches geben.

  • Michael Riessler hat die Musik zu
    Shakespeare-Festival Neuss : Ein unvergesslicher Kino-Abend mit Musik zu „Hamlet“ im Globe
  • Krefeld : "Hamlet" - ein Seelenkrimi
  • Mönchengladbach : Shakespeare-Festival in Neuss mit internationaler Besetzung

Hamlet also ist hier nur Opfer. Darauf fokussiert Rychcik seine in Polen preisgekrönte Inszenierung, die indes im Globe auch recht überfrachtet wirkt. Klänge, die oft mehr Geräusche denn Töne sind, umwabern das Spiel. Das wird von Furor bestimmt; die Schauspieler schreien und brüllen, legen die emotionalen Defizite ihrer Figuren schonungslos bloß. Manchmal sogar im wörtlichen Sinne, wenn etwa Hamlet nackt vor Ophelias Kamera posiert. Dramaturgisch und inhaltlich ergibt das aber keinen Sinn, scheint mehr dem Stempel "zeitgenössisch" geschuldet zu sein ...

Doch es gibt auch andere, frische Regie-Einfälle. Einer ist das Filmeraten, das das im Original vorgesehene Schauspiel ("Mausefalle") ersetzt. Dann sitzen alle aufgereiht auf der Bühne, schauen nach vorne, während hinter ihnen im Dunkeln ein nacktes Pärchen sich umtänzelt. Und wenn ausgerechnet Claudius, der seinen Bruder, den König, ermordete, und dessen Frau Gertrud heiratete, den Filmtitel "Ein perfekter Mord" errät, hat das was.

(NGZ)