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Neuss: Ein Plädoyer, das Undenkbare zu denken

Neuss : Ein Plädoyer, das Undenkbare zu denken

Politik ist mehr als nur die Verwaltung des Machbaren. Politik gestaltet die Zukunft der Gesellschaft. Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff handelt so. Ein Gespräch mit dem ehemaligen Neusser Stadtdirektor darüber, wie man Chancen nutzt.

In Allerheiligen finden junge Familien ein neues Zuhause. Im Hammfeld errichtet Kurt Krieger ein gigantisches Möbelhaus. Zwei markante Projekte machen Ergebnisse der Neusser Politik sichtbar. Tagesgeschäft? Zufall? Während die Neusser die Entwicklung ihrer Stadt diskutieren, kommt einer in seinem Düsseldorfer Heim zu dem Schluss: "Ohne unser Konzept ,Neuss zwischen den Häfen' gäbe es vermutlich weder das Neubaugebiet Allerheiligen noch das Möbelhaus."

Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff zweifelt nicht: Politik, besser noch Gesellschaft, lässt sich gestalten. Das gelingt vor allem dem, so Grosse-Brockhoff, der sich aus dem Alltag heraus nimmt, sich von Zwängen löst, der denkt, was richtig und wünschenswert ist und sich nicht mit dem Machbaren begnügt.

Hilfreich sei es, doziert Grosse-Brockhoff, seine Ideen und Visionen schriftlich zu verfassen. Das sei für ihn eine Form der Selbstdisziplin, um nicht in den Tag hinzuleben. Aber seine Aufsätze seien auch mehr als eine bloße Gedanken- und Erinnerungsskizze, er sieht in ihnen auch immer ein Diskussionspapier. Oft werde ihm erst beim (Nach-) Denken und Schreiben klar, wohin der Weg führen müsse. Vieles von dem, was er realisieren konnte, habe er zuvor auf Papier fixiert.

Er saß als junger Mann gerade auf dem Sessel des Kulturdezernenten im Neusser Rathaus, da forderte ihn der damalige Oberstadtdirektor Schmidt auf, seine Ziele schriftlich niederzulegen. Grosse-Brockhoff schrieb von einer Kunstschule und einer Ballettreihe, wollte zwischen den Kulturmonopolen Düsseldorf und Köln "Nischen" besetzen - heute sind das Kulturforum Alte Post und die Tanzwochen Leuchttürme der Neusser Kulturlandschaft. Vor allem im Urlaub nehme er sich Zeit, um sich Gedanken zu generellen Fragen zu machen. Herauskommen sind Beiträge für Fachzeitschriften oder auch mal für die FAZ.

Grosse-Brockhoff stößt gern Prozesse an. Mehr noch: Er kämpft dafür, dass seine Ideen auch zu einem Erfolg werden. Das Stadtentwicklungskonzept "Neuss zwischen den Häfen" war sein Kind. Dafür stritt er. In der Verwaltung. Im Rat. In der Bürgerschaft. Einige Visionen platzten. Der Turm wurde nie gebaut, weil dem Investor die finanzielle Puste ausging - "aber genehmigt", hält Grosse-Brockhoff fest. Das Stadttor steht in Düsseldorf. Aber das Entwicklungszentrum Allerheiligen ist gebaut worden. Im Hammfeld war ausreichend Fläche fürs Möbelhaus vorhanden und Neuss spricht wieder von einer engeren Anbindung der Innenstadt ans Rheinparkcenter. Alles ist so - oder so ähnlich - im Stadtentwicklungskonzept von 1991 nachzulesen. Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff gehört zum Typus Politiker, die lieber agieren (wollen) und sich nicht mit dem Reagieren begnügen.

Der Drang, etwas zu bewegen, hat ihn auch im Alter nicht verlassen. Grosse-Brockhoff trifft immer noch auf offene Ohren, weil die, die im Auditorium sitzen, wissen, dass der, der am Mikrofon steht, etwas zu sagen hat. Inzwischen ist Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff 64 Jahre alt. Auch vor 30 Jahren hatte er schon viel zu sagen. Unterschied: Damals war den meisten nicht bewusst, dass er etwas zu sagen hatte ...

Sprechen die Neusser heute über Persönlichkeiten ihrer neueren Geschichte, die einen Plan für die Entwicklung ihrer Stadt hatten, so fällt der Name Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff schneller als andere. Er war noch keine 35 Jahre alt, da legte er seine Hand auf den Stuhl des Stadtdirektors. Er tat es, wie so oft in seinem Leben, weil er einen Plan im Kopf hatte und seine Ideen und Gedanken schriftlich formulierte. Das war und ist nicht ohne Risiko. Politiker mag wie Adenauer das Geschwätz von gestern nicht kümmern. Der Bürger kann nachlesen, was Grosse-Brockhoff dachte, schrieb und was daraus wurde.

Am Ende seines berühmten 42-Seiten-Papiers stand 1985 seine Bewerbung als Stadtdirektor - das polarisierte. Das "alte Neuss" war entsetzt. "GB" war der Kandidat der "Jungen Wilden", zu denen auch Herbert Napp, Bertold Reinartz und Siegfried Zellnig gehörten. Er setzte sich durch. In zwei Anläufen. Mit einer Stimme Vorsprung. Grosse-Brockhoff hatte nicht nur Visionen, er bewies auch Nehmerqualitäten und Stehvermögen, um die Chance zu erhalten, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Lediglich sieben Jahre stand Grosse-Brockhoff an der Spitze der Verwaltung - viele vor und nach ihm haben Großes für Neuss geleistet. Aber vermutlich hat keiner so viel in der Stadt verändert wie Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff - oder anders ausgedrückt: Keiner hat so konsequent seinen persönlichen "Masterplan" abgearbeitet wie er. Er dachte und handelte schon nachhaltig, da war das heutige Modewort noch nicht erfunden. Das moderne Allerheiligen und die Möbelhaus-Baustelle sind ein Beleg dafür. Politik und Gesellschaft lassen sich gestalten - jeden Tag aufs Neue.

(NGZ)