Neuss: Ein perfektes Geigenspiel

Neuss : Ein perfektes Geigenspiel

Star-Geigerin Julia Fischer beschloss mit ihrer Klavierpartnerin Milana Chernyavska die Saison der Zeughauskonzerte. Beide sind Ausnahmekünstlerinnen und bilden zugleich eine faszinierende Einheit.

Es sind diese raren Augenblicke, in denen etwas Einzigartiges, Unwiederbringliches geschieht, die einen Konzertbesuch zu etwas Besonderem machen. Als Julia Fischer, die junge, schlanke, berühmte deutsche Geigerin im weißgetünchten Chor des Zeughauses einen schlichten, lang gezogenen Ton in der Einleitung von Mozarts B-Dur-Sonate zum Blühen bringt – ganz unprätentiös, fast zärtlich die Seele ihrer Guadagnini streichelt – da ereignet es sich wieder. Man ist berührt, beglückt.

Das letzte Zeughauskonzert der Saison, es musste um eine Woche verschoben werden, gerät zum erwarteten Ereignis. Dabei war einkalkuliert, dass Julia Fischer auf der Geige alles kann. Davon zeugt ihre üppige Diskografie. Ihr Live-Auftritt fügt dem Bekannten dann etwas gewissermaßen Haptisches hinzu – man sieht, fühlt, wie diese schlanken, fein timbrierten Klänge entstehen.

Wie sorgsam die 28-jährige Münchnerin mit dem Bogen umgeht, ist schlicht phänomenal. Nie ein Kratzen, auch wenn die unglaublich ausgeglichen klingende Geige ganz gelegentlich sich zickig gibt und einen Ansatz verweigert, leben die Klänge von dem souveränen Gefühlt für Geschwindigkeit, Druck und Kontaktstelle, das Julia Fischer eigen ist. Sie strebt einem Klangideal nach, das wie von innen heraus glänzt, bruchlos, singend sich dem Atem der Musik ergibt. Das bekommt Mozart bestens, hernach auch Schuberts virtuosem h-Moll-Rondo; ganz vorzüglich aber auch Saint-Saens und Debussys später g-Moll-Sonate.

Ja, das Spiel Julia Fischers Spiel leuchtet, es setzt seinen Gegenstand, hier Musik österreichischer und französischer Tonsprache, in kostbares Licht.

Getragen wird sie dabei von einer Partnerin, wie man sie sich aufmerksamer, unterstützender kaum denken kann. Milana Chernyavska begnügt sich keineswegs mit der Rolle der Begleiterin, setzt vielmehr entscheidende und berechtigte Impulse im Zusammenspiel der beiden Ausnahmekünstler. Mozart wirkt zart, Schubert eher männlich kraftvoll, virtuos, Debussy changiert in delikater Neutönigkeit. Faszinierend zu erleben, wie einig die beiden Frauen sich sind, wie aus dem gleichen Atem die Musik erwächst.

Auch die Liebhaber von violinistischen Kunststücken kommen beim Konzert auf ihre Kosten: Springbögen, rasante Läufe, große, gefährliche Sprünge – einfach alles gelingt Julia Fischer perfekt. Saint-Saens hat dazu ziemlich Fitzeliges geschrieben, fast ein Perpetuum mobile als Kehraus seiner 1. Sonate. Also jubelt das Publikum am Schluss frenetisch und kriegt zum Dank eine "Melodie" von Tschaikowsky und ein Andante von Ysaye obendrauf. Schön.

(NGZ)
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