Neuss Ein Neusser Pionier der Wiedervereinigung

Neuss · Nach dem Mauerfall ging Jörg Wisbert in den Osten. Dass das Abenteuer 18 Jahre dauern würde, ahnte er am 9. November 1989 nicht.

So sieht die symbolische Lichtgrenze aus 7000 Ballonen aus
53 Bilder

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Den Abend des 9. November 1989 verbrachte Jörg Wisbert wie Millionen andere Menschen gebannt vor dem Fernseher. Auf den Bildschirmen spielte sich schier Unglaubliches ab. In Berlin fiel gerade die Mauer, die 28 Jahre lang so etwas wie das in Beton gegossene Sinnbild der deutschen Teilung gewesen war. Jedenfalls, auch Jörg Wisbert traute seinen Augen nicht. Und noch viel weniger dachte der Neusser in jener Novembernacht daran, dass er schon bald Teil dieses historischen Prozesses sein würde, der damals auf dem Fernsehbildschirm seinen Anfang nahm.

"Im Sommer 1990, zu Zeiten der Währungsunion, habe ich in Eisenhüttenstadt an der Oder ein Steuerbüro eröffnet", erinnert sich der heute 71-jährige Wirtschaftsprüfer an seine Anfänge in Ostdeutschland. Zuvor hatte er einen Neusser Unternehmer in den "fernen Osten" der damals noch existierenden DDR begleitet, der an der polnischen Grenze einen Getränkehandel aufziehen wollte.

So hat sich der Osten verändert
19 Bilder

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Bei dem einen Büro in Eisenhüttensstadt, in dem zuvor pikanterweise die Stasi gesessen hatte, blieb es für Jörg Wisbert nicht. Innerhalb kürzester Zeit verzeichnete er rund 100 Mandanten. Wisbert erarbeitete sich schnell den Ruf, ein sehr guter Berater in Steuer- sowie Wirtschaftssachen zu sein und gründete im Lauf der Jahre weitere Dependancen in Frankfurt/Oder sowie Fürstenwalde.

Stahlwerke, Krankenhäuser, Stadtverwaltungen und städtische Beteiligungsgesellschaften: Der Wirtschaftsprüfer arbeitete an vielen "Baustellen" auf dem Gebiet der ehemaligen DDR und wurde so zu einem echten Pionier und Architekten der Wiedervereinigung.

Rund 45 Mitarbeiter beschäftigte Wisbert später im Osten. 18 Jahre lang, bis zu seinem Rückzug 2008, flog er jeden Montagmorgen von Düsseldorf aus in die neuen Bundesländer. Einfach war der Sprung aus dem katholischen Rheinland ins evangelische Brandenburg gleichwohl nicht. Die Mentalitäten waren grundverschieden. Und zudem hatten auch 40 Jahre Sozialismus ihre Spuren hinterlassen.

"Es kam mir zugute, dass ich mich auf die Menschen eingelassen habe", sagt Jörg Wisbert, der heute wieder in Neuss tätig ist und das Abenteuer Ostdeutschland nie bereute. Unter anderem baute der Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwalt ein Spirituosen-Unternehmen auf und investierte in ein Hotel.

Auch nach der Übergabe seiner Eisenhüttenstädter Wirtschaftsprüfergesellschaft an zwei Partner blieb Wisbert dem östlichen Brandenburg treu. Noch lange saß der Neusser in Aufsichtsräten von Firmen und Stiftungen, nachdem er zuvor bereits in Frankfurt/Oder den Hanseclub als Wirtschaftsvereinigung gegründet sowie dabei geholfen hatte, die Viadrina-Universität in eine Stiftung umzuwandeln.

Die Frankfurter Uni spielte dabei gleich in doppelter Hinsicht eine wichtige Rolle im Leben von Jörg Wisbert. Denn vor einigen Jahren promovierte eine seiner drei Töchter an der angesehenen Hochschule in der Grenzstadt zu Polen. "Sie hatte zuvor Betriebswirtschaft studiert und arbeitet heute bei Skoda in Prag", sagt der Vater. Die Tochter setzte damit den Weg ihres Vaters fort, der an jenem 9. November 1989 mit den Bildern des Mauerfalls im Fernseher von Jörg Wisbert seinen Anfang genommen hatte.

(NGZ)
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