Neuss: Ein meisterlicher Erzähler

Neuss : Ein meisterlicher Erzähler

Zum Auftakt des "Literarischen Sommers" kam der Autor Roger Willemsen ins Rheinische Landestheater. Im ausverkauften Foyer erzählte er aus seinem und über sein neuestes Werk "Die Enden der Welt".

Es war wohl ein achtjähriger Junge, krebskrank und mit dem bevorstehenden Tod konfrontiert, der Roger Willemsen mit den Worten "Mir ist langweilig" dazu anregte, eine gemeinsame Reise anzutreten. Eine Reise nur im Kopf, die in der verschneiten Eifel, am Fußende des Krankenbetts beginnend, an den Enden der Welt aufhören sollte. Willemsen erzählt, im ausverkauften Foyer des RLT und 90 Minuten lang das Mikrofon in der Hand haltend, aus seinem neuesten Buch.

Zum Auftakt des Literarischen Sommers mit dem Thema "Grenzgänger" nimmt er die Zuhörer mit auf seine Reisen nach Myanmar, Afghanistan, zum Hindukusch, nach Chile, Kamtschatka und nach Weißrussland. Es ist erstaunlich und faszinierend zugleich, wie er es – in freier Rede – dabei schafft, Bilder, ja ganze Filme in den Köpfen zu schaffen. Stimmungen, die einen mitnehmen in rumpelnde Überlandzüge, in abrissbedrohte Hotels, verkommene Gefängnisse, in verstaubte Ödlandschaften oder in vom Dauerregen gepeinigte Landstriche. Und immer wieder gerät der Reisende dabei an einen Ort, an dem er sich schon lange nicht mehr aufgehalten hat, gerät zu sich selbst.

Roger Willemsen bedient sich meisterhaft einer Sprachgewalt, die jede gerade erst erzeugte visuelle Illusion noch verstärkt und hervorhebt, die mit Wortwahl und Akzentuierung eine perfekte Wiedergabe des Erlebten darstellt. Er erzählt geradezu komödiantisch, wie er sein goldenes Inlay verliert, schmunzelnd, wie auf sein Betreiben hin ein Wasserkraftwerk in Afghanistan wieder "heile gemacht" wird und beklemmend drastisch, wenn er ehemals scheintote Menschen in Ihren Behausungen besucht. Menschen, die nun – aus religiösen Gründen – am "normalen" Leben nicht mehr teilnehmen, sich dafür aber selbstverständlich weiter fortpflanzen dürfen. Willemsen herrscht über die Worte und er bedient sich ihrer, um von einer Erzählung zur nächsten immer wieder Spannungsbögen zu schlagen. Aber auch Kleinigkeiten weiß er trefflich zu beschreiben – etwa, wenn kümmerliche Pflänzchen im unwirklichen Patagonien "am Eintritt in den vitalen Kreislauf desinteressiert" sind. Und Touristen in Timbuktu als "Knochen, die von einheimischen Kindern abgenagt werden" zu charakterisieren, das gelingt nur einem wie Willemsen.

Das Buch kann man nach einer gelesenen Episode zur Seite legen – an diesem Abend aber ist man seiner Erzählkunst ausgeliefert. Viel Text für 90 Minuten, doch auch da beweist er Extraklasse: Der Abend bleibt kurzweilig.

Auf einem Schiff im weißrussischen Minsk endet die Reise und mit dem Blick auf weite Eis- und Schneeflächen bringt Willemsen seine Zuhörerschar wieder zurück an den Beginn, zurück in die Eifel.

(NGZ)
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