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Neuss: Ein Märchenforscher aus Hoisten

Neuss : Ein Märchenforscher aus Hoisten

Als eifrige Sammler von Volksmärchen reisten die Brüder Grimm durch die Lande, befragten die Leute nach tradierten Geschichten und schrieben sie auf. So zumindest stellt man sich in aller Regel die Entstehung der Grimm'schen Märchensammlung vor, die bis heute das meistverkaufte deutschsprachige Buch ist.

Aber wen genau befragten sie? Woher kannten die Erzähler diese Märchen? Und warum waren für sie gerade diese Geschichten erzählenswert? Dass auch zweihundert Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Ausgabe der "Kinder- und Hausmärchen" 1812 die Herkunft vieler Märchen im Dunkeln liegt, ist keineswegs Zufall, sondern war Absicht der Hanauer Brüder, die ganz im Sinne der sie prägenden Romantik einen namenlosen Volksgeist als Quelle der Märchen verstehen und vermitteln wollten.

Ganz anders aber als solcher bewusst erzeugte Mythos war die Realität: "Man denkt schnell an die alte Bäuerin, die am Kamin sitzt und die Märchen erzählt, die seit Generationen in ihrer Familie weitergegeben werden, aber dieses Bild ist völlig falsch", weiß Professor Heinz Rölleke, emeritierter Professor für Deutsche Philologie und Volkskunde der Bergischen Universität Wuppertal und Spezialist auf dem Gebiet der Märchenforschung seit den siebziger Jahren.

"Als die Brüder begannen, Märchen zu sammeln, waren sie 20 und 21 Jahre alt und kamen gar nicht gut mit alten Leuten zurecht", erklärt der Hoistener. "Viel lieber haben sie sich an junge Damen gehalten, und die kamen auch ab 1806 zu den Treffen der Brüder Grimm und erzählten die Märchen, die sie kannten."

Mit großer Gründlichkeit und Energie ist Rölleke, der international als renommiertester Grimm-Spezialist geschätzt wird, auf Spurensuche gegangen, hat Handschriften entziffert, Biographien gelesen, in Archiven gestöbert und immer wieder neue Entdeckungen gemacht. Einer seiner Ausgangspunkte waren dabei die handschriftlichen Ergänzungen, mit denen die Brüder Grimm die erste Ausgabe der Märchen versahen und die Wilhelms Sohn Herman später veröffentlichte. "Unter einigen der Märchen standen Namen, etwa Marie, Dortchen oder Grete, die darauf hinweisen, von wem diese Geschichte erzählt wurde." In der offiziellen Ausgabe der "Kinder- und Hausmärchen" waren solche Hinweise allerdings verschwunden, weil die Märchen ja gerade keinem Individuum zugeschrieben werden sollten, sondern einer letztlich unergründbaren Tradition.

Für Märchenforscher Rölleke waren die Namen ein erster Schritt zur Entdeckung der realen Herkunft der Geschichten. Sehr genau recherchierte er die Personen hinter den Namen, trug Stück für Stück die Informationen über ihre Leben, ihre gesellschaftlichen Hintergründe und Prägungen, Herkunft und Besonderheiten zusammen. Grundsätzlich orientierte er sich in seinen Analysen an den Texten der ersten Ausgabe: "In jeder der späteren Ausgaben wurden die Märchen verändert. Wilhelm Grimm hatte eine Vorstellung von der Urfassung und hat aus verschiedenen Versionen, die ihm erzählt wurden, immer weiter versucht, den Text seiner Vorstellung von der ursprünglichen Version anzupassen. Geschaffen hat er dabei natürlich nur eine weitere Fassung", erläutert der Germanist.

Als er die Märchen eines jeden Erzählers nebeneinander stellte, entdeckte er Erstaunliches: "In solcher Zusammenstellung sieht man sehr schnell, wie sehr die Erzähler selbst auch die Geschichten prägten, die sie erzählten." Zum Beispiel Marie Hassenpflug: "Ein bildhübsches Mädchen aus einer sehr gut gestellten Hugenottenfamilie. Märchen wie das von Dornröschen, der schlafenden Prinzessin, die irgendwann geheiratet und glücklich wird, waren ihre Spezialität und passten zu ihrer Situation. Dagegen erzählte Dorothea Viehmann, eine Schneiderwitwe um die fünfzig, vorwiegend Geschichten, in denen die Frauen ein sehr hartes Leben haben. Bei ihr kommen allerdings niemals Hexen vor.

Solche Geschichten mochte sie ganz offenkundig nicht, denn als starke, selbständige Frau kam sie selbst bisweilen in den Ruf, eine Hexe zu sein," erzählt der Märchenfachmann: "Die Märchen von Dorothea Viehmanns sind auch die einzigen, in denen sich immer wieder Redewendungen finden wie "es begab sich aber zu der Zeit". Als fromme Frau kannte sie diese Wendung aus den Evangelien, die sie in der Kirche hörte und baute sie in die eigenen Erzählungen ein."

Rund 40 Personen haben den Brüdern Grimm die Märchen erzählt, die sie kannten und so die Grundlagen geschaffen zu der Sammlung der insgesamt 211 Märchentexte. 25 dieser Erzähler hat der emeritierte Germanist Rölleke ermitteln können und präsentiert seine umfangreichen und ausgesprochen spannenden Ergebnisse pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum der ersten Ausgabe der "Kinder- und Hausmärchen" in einem prächtigen, sehr bibliophilen Band: "Es war einmal: Die wahren Märchen der Brüder Grimm — und wer sie ihnen erzählte" heißt das wunderschöne Buch, in dem Rölleke einen sehr genauen Blick hinter die Kulissen der Brüder Grimm wirft und Voraussetzungen, Lebenssituation und Eigenarten der Erzähler so lebendig und genau erzählt, dass man mit dem Lesen einfach nicht mehr aufhören kann.

So begegnen statt der anonymisierten Märchen hinter und in den Erzählungen die Personen, die die Geschichten zwar nicht schufen, aber eben doch auf eigene Weise erzählten, eigene Interessen, Motive, Ziele darin sahen und sie deshalb weitergaben. "Es sind 25 verschiedene Temperamente und Bildungsgeschichten", erklärt Rölleke.

Mit den drei Töchtern der Hugenottenfamilie Hassenpflug, von denen die älteste gerade 18 Jahre alt war, fanden Märchen französischer Herkunft in die Sammlung. Die Namen Dortchen und Grete, das erzählte Herman Grimm später in seinen Memoiren, verwiesen auf seine Mutter Dorothea Wild und seine Tante Grete, deren Familie Nachfahren von Annette von Droste-Hülshoff waren und aus katholisch-westfälischer Tradition stammten. Und der Name Marie führte die Forscher späterer Zeiten erst einmal auf eine völlig auf eine falsche Fährte: "Es gab eine alte Köchin, auf die das Bild von der einfachen Märchenerzählerin am ehesten zutraf, und so nahm man einige Zeit an, sie sei die genannte Marie," erzählt Rölleke. "Das passte aber nicht, weil Wilhelm und Jakob grundsätzlich nur solche Leute mit Vornamen genannt haben, die ungefähr gleichaltrig waren."

So führte ihn die Spur auf Marie Hassenpflug, die ihre ganze Familie einspannte und auf diese Weise insgesamt 50 Märchen beitrug. Sie vermittelte den Brüdern Grimm auch den Kontakt zu dem pensionierten Wachtmeister Johann Friedrich Krause. Er ist einer der wenigen männlichen Erzähler und lebte so ärmlich, dass er für jedes Märchen von den Brüdern Grimm eine abgelegte Hose bekam: "Da er viele Geschichten kannte, weiß man nicht, wem zuerst der Stoff ausging", sagt Rölleke mit einem Schmunzeln. Auch Dorothea Viehmann wurde für ihre Geschichten entlohnt: " Wenn sie auf dem Markt ihre Sachen verkauft hatte, kehrte sie ein bei den Grimms, erzählte ein Märchen und bekam dafür ein wenig Geld — nicht viel, denn die Brüder waren selber nicht sehr reich — und eine Tasse Kaffee. Am schönsten war für sie, dass sie den Kaffee mit einem goldenen Löffel umrühren und sich als Dame fühlen konnte. Immer wieder hat sie davon berichtet", erzählt Rölleke.

Wie ein guter Zeichner mit wenigen Strichen, so schafft der sympathische Germanist es mit wenigen Worten, lebendige Bilder der kleinen, wohlbehüteten Marie Hassenpflug, des alten, vom Leben gegerbten Krause und der Witwe Viehmann mit ihrem Traum vom bürgerlichen Luxus vor dem inneren Auge seiner Zuhörer entstehen zu lassen.

Eigentlich ist das kein Wunder, denn als Fachmann für Märchen kennt er auch das Geheimnis alles guten Erzählens sehr genau: "Ein guter Erzähler muss Vertrauen haben in das, was er erzählt, und darf die Geschichte nicht ironisieren. Natürlich muss er nicht glauben, dass ein Frosch sprechen kann. Aber er sollte Vertrauen zu dem Märchen haben, das er erzählt, darin eine Botschaft mit Wert sehen und sie optimistisch vermitteln."

Wie aber findet man heraus, welche Botschaft ein Märchen vermittelt? "Es gibt tausend Wege zum Märchen: Astronomen erkennen darin Sternbilder, Historiker suchen die geschichtlichen Umstände, Psychologen finden in Märchen seelische Grundkonstellationen. Hans Traxler hat mit seinem Buch "Die Wahrheit über Hänsel und Gretel" eine wunderbare Satire geschrieben, in der er die sogenannte "Märchenarchäologie" begründet und genau vorführt, in welchem Wald sich die Geschwister verirrt haben und wo die Kieselsteine liegen, die sie zur Orientierung legten", erzählt Rölleke und lacht. "Und es gibt wirklich Leute, die das für bare Münze genommen haben."

Sein Zugang zu den Märchen ist dagegen rein philologisch: "Es kam mir zugute, dass ich Germanist und Volkskundler bin, denn die Märchen kommen aus volksnahen Traditionen, sind aber zugleich auch hochliterarische Texte. Erst wenn man beide Dimensionen berücksichtigt, kann man ihnen gerecht werden." Und wenn man weiß, wer sie den Brüdern Grimm erzählte, warum und wie das geschah.

(NGZ/rl)