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Ein Lübecker wird Schützenkönig in Weckhoven

Schützenfest in Weckhoven : Ein Nordlicht auf dem Königsthron

Thomas und Conny Reiß amtieren am Wochenende als Schützenkönigspaar in Weckhoven. Dieser Mission opfert das Paar aus Lübeck einen Großteil seines Jahresurlaubs.  Denn in seiner Heimat wäre er ein König ohne Volk gewesen.

Als Schütze hat Thomas Reiß fast ständig ein schlechtes Gewissen. Nicht, dass er nicht mit Feuereifer dabei wäre. Im Gegenteil. Doch als Lübecker lebt der 55-Jährige fast ständig getrennt von seinem Schützenverein in Weckhoven und dessen Artilleriekorps. „Wenn ich hier leben würde, würde ich mehr machen“, sagt Reiß — und tut doch eigentlich eine ganze Menge. Denn an diesem Wochenende ist er Schützenkönig in Weckhoven und opfert dieser Mission fast den gesamten Jahresurlaub.

Daheim an der Ostsee lebt Reiß für seine Familie, seinen Job als Schichtleiter in einer Großmolkerei  und das Brandungsangeln. Für das Schützenwesen dort lebt er nicht (mehr). Die Mitgliedschaft im Schützenverein seines Heimatortes Berkenthin, einem  Weiler unweit der Hansestadt mit dem Holstentor, hat er 2011 gekündigt. Von 50 Schützen im Ort gehörten damals 30 als Ehrenmitglieder in die Fraktion „Ü 75“. Eine Kirmes zum Schützenfest gibt es nicht mehr und auch weder eine nennenswerte Parade noch Begeisterung in der Bevölkerung. „Die sind meist nur genervt, wenn zum Umzug die B 208 gesperrt ist“, sagt er über seine Landsleute - und setzt noch eins drauf: „Der Karneval wird immer mehr.“

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Wie deprimierend für einen Schützen, der irgendwann in seinem Leben unbedingt mal König werden wollte und dafür schon seit 2009 Geld spart. Dieses Dilemma erkannte auch Ehefrau Conny, die 2016 beim Korpsschießen der Artillerie, bei dem der Ehemann mal wieder ohne Titel geblieben war, den Artilleriechef Klaus Knuppertz einfach mit der Frage zur Seite nahm: „Was können wir tun, damit Thomas mal König wird?“ Der zog ein paar Fäden, und so stand Thomas Reiß beim Oberstehrenabend vor einigen Wochen an der Vogelstange. Denn dass eine Frau schießt, verbietet noch die Satzung, der andererseits egal ist, woher ein männlicher Bewerber kommt.

Dass Reiß alleine schoss, war ein Glück. Denn um die Verpflichtungen dieses Amtes auch nur annähernd ausfüllen zu können, musste er mit seinen Kollegen einen besonderen Urlaubsplan austüfteln. „Nächstes Jahr hätte das nicht noch einmal geklappt“, sagt er. Als König in Zivil wollen die Eheleute Reiß Ende August das Schützenfest in Neuss erleben. Der Termin ist ebenso geblockt wie die drei Wochen, für die sich das Paar jetzt bei seinen Freunden Klaus und Nadine Knuppertz einquartiert hat. Da sind sie seit neun Jahren immer, wenn Kirmes ist. Und diese Freunde sind es auch, die für die norddeutschen Majestäten alles organisieren - bis hin zum Bau der Residenz.

Die Parade zur Gnadentaler Kirmes durfte Reiß als König eines Gastvereins schon auf der Tribüne erleben. „Das war   wie meine eigene“, sagt der Lübecker, der deshalb vor seiner Rückreise  am übernächsten Wochenende noch die Feste in Erfttal und Hoisten besuchen will. An diesem Wochenende aber wird er Weckhoven nicht verlassen.