Neuss: Ein König an Krücken

Neuss : Ein König an Krücken

Die Schützenbruderschaften im Bezirk Neuss ermitteln in Norf ihren neuen Bezirkskönig. Damit Andreas Nickel als amtierender König dabei sein kann, musste er Heimaturlaub beantragen. Er ist gerade in einer Reha-Klinik.

Ein König zeigt Haltung. An Krücken wird sich Andreas Nickel am Samstag zum Bezirkskönigsschießen schleppen, aber zur Parade wird er stehen. Schließlich ist der 43-Jährige amtierender Bezirksschützenkönig und damit oberster Repräsentant auch seiner Norfer St.-Andreas-Bruderschaft, der durch seinen Erfolg im Vorjahr die Gastgeberrolle zugefallen war.

Allerdings endet für ihn und Ehefrau Svenja mit Fallen des Vogels an diesem Tag die eigene Regentschaft. "Es war ein bewegendes Jahr", sagt Nickel. "Mir fällt es schwer, die Kette abzugeben."

Mit Nickels Königsschuss im Vorjahr in Holzbüttgen kam die Bezirkskönigswürde zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder nach Norf. Und mit ihr die Bezirksstandarte, die die St-Andreas-Schützen seitdem hüten. Ein Titel und eine Ehre, auf die andere Bruderschaften noch viel langer warten. "Die Stürzelberger warten seit über 50 Jahren auf den Königstitel", berichtet Volker Schöneberg, Geschäftsführer des 18 Bruderschaften zählenden Bezirksverbandes Neuss im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften. Hülchrath stellte den König noch nie.

Wer Bezirkskönig und damit Repräsentant von 9500 Schützen werden will, muss zunächst den Königstitel im eigenen Ort erringen. Denn nur die 18 gekrönten Könige dürfen mitschießen. Für Norf tritt diesmal Bernd Koch an, seit der Frühkirmes Nickels Nachfolger als König der St.-Andreas-Schützen. Operation Titelverteidigung? "Das ist prinzipiell möglich", sagt Schöneberg, "kam aber im Bezirksverband Neuss zuletzt in den 1970er Jahren vor."

Aber auch der scheidende Bezirkskönig ist nicht frei von Ambitionen. Auch nach seiner offiziellen Verabschiedung, die am 2. Oktober im Rahmen des Bezirkskönigsehrenabends erfolgt, will er 2012 im polnischen Tuchola um die Würde des Europakönigs mitkonkurrieren. Der, so erklärt Nickel, wird nur alle drei Jahre ermittelt. Wer in dem Zeitraum davor Bezirkskönig war, darf den Hut in den Ring werfen. "Wir fahren", sagt Nickel überzeugt.

Vorher muss der stellvertretende Brudermeister der Norfer Schützen anderen Zielen Priorität geben. Mit Ehefrau Svenja und Tochter Jara zieht er in zwei Wochen in ein eigenes Haus um. Vorher aber muss er zurück nach Bad Ems, wo er sich in einer Rehabilitationsklinik von einer Operation erholt, mit der die Spätfolgen seiner Fußballerkarriere kuriert werden sollen. Langweilig sei es dort, sagt er. Aber zum Glück sah man in der Klinik ein, dass Schützen nicht ohne König feiern können — und gewährte Nickel zwei Tage Heimaturlaub.

(NGZ/rl)
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