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Neuss: Ein Gebot der Not: "Fringsen"

Neuss : Ein Gebot der Not: "Fringsen"

Mit seiner Silvesterpredigt heute vor 65 Jahren schrieb der Kölner Erzbischof und Neusser Ehrenbürger Josef Kardinal Frings. Er erlaubte es den "Klüttenklau", wenn Brennstoff auf ehrlichem Weg nicht zu haben war. So zumindest verstanden es die Zeitgenossen. "Fringsen" wurde volkstümlich.

Dem Kardinal muss seine Predigt im Nachhinein unangenehm gewesen sein. Die Reaktion in der Öffentlichkeit und vor allem bei den alliierten Besatzungsbehörden war keineswegs günstig. Noch Jahrzehnte später erinnerte sich Josef Frings: "Es gab eine höchstnotpeinliche Untersuchung." Er habe den Text seiner Silvesterpredigt sogar beim alliierten Zivilgouverneur William Asbury einreichen müssen. Eine Predigt, die Geschichte schrieb — heute vor 65 Jahren.

"Alles war aufs höchste gespannt, und es schwebte wirklich Unheil über mir", berichtete der gebürtige Neusser Frings in seinen Memoiren. Tatsächlich musste er nach Düsseldorf kommen, um sich beim britischen Gouverneur Asbury zu erklären. Doch als der Erzbischof, der sich bei solchen Anlässen seiner Stellung als Kardinal der römischen Kirche sehr bewusst war, nicht sofort empfangen wurde, verließ er nach nur zehn Minuten des ungeduldigen Wartens das Amtsgebäude wieder. Der Kölner Kirchenfürst eilte zum Wagen und sagte zu seinem Chauffeur: "Jetzt schleunigst weg, es konnte gar nicht besser gehen."

Doch was hatte den seit 1942 regierenden Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings so sehr in Bedrängnis gebracht? Es war seine Predigt am Silvestertag des Jahres 1946. Es herrschte bittere Nachkriegsnot, und der strenge Winter ließ die Deutschen frieren. Selbst der Rhein fror zu, und in Berlin gab es sogar Kältetote zu beklagen. Die Besatzungsmächte schafften Kohlen zum Heizen herbei, doch es waren nie genug. Da schritten die Rheinländer zur Selbsthilfe. Sie stahlen die "Klütten" von den alliierten Transportwaggons.

In dieser Situation hielt Frings seine später so berühmte Silvesterpredigt in der Kölner Kirche St. Engelbert in Riehl. Dort fiel der folgenschwere Satz: "Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann."

Der Erzbischof habe diesen Satz mehrfach redigiert, wie die nachträgliche Bearbeitung auf dem Manuskript beweise, berichtet Josef van Elten im Ausstellungskatalog des Erzbischöflichen Archivs aus Anlass des 100. Geburtstages des Kardinals 1987. Und auch Prälat Norbert Trippen meint in seiner ausführlichen Frings-Biographie, dass der Kardinal die Notwendigkeit gespürt haben müsse, sich gegen "Missverständnisse" abzusichern. Deswegen habe er sogleich hinzugefügt: "Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinaus gegangen worden ist. Und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückgeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott."

Das half natürlich alles nichts. Die Leute hörten nur das, was sie hören wollten. Noch Jahrzehnte später erinnerte sich eine alte Kölnerin an den populären Erzbischof: "Der hat uns den Klüttenklau erlaubt. Wir haben das fringsen genannt." Lange Zeit wurde im Rheinland "stehlen" durch "fringsen" ersetzt. Schließlich hört sich das weit weniger unfreundlich an. Und außerdem heißt es in den Zehn Geboten ja auch nicht: "Du sollst nicht fringsen." Der Rheinländer neigt ja zu beschwichtigenden Formulierungen, weswegen auch Klüngel keinesfalls mit Filz oder Betrug übersetzt werden darf.

Die Zeitungen indes hatten den neuen Tatbestand des Fringsens zunächst übersehen. Sie berichteten vor allem von einem ganz anderen Teil der bischöflichen Predigt. Dort lehnte der Kölner Kardinal erneut die These von der Kollektivschuld der Deutschen an den Verbrechen des Nationalsozialismus ab. Dem Wesen nach sei Schuld aus christlicher Sicht keine kollektive Sache, sondern eine persönliche. Deswegen sei jeder Einzelne aufgefordert, seine persönliche Schuld zu ergründen. Eine Position, die damals auf heftigen Widerspruch stieß.

Nur die "Kölnische Rundschau" berichtete in ihrer Ausgabe vom 3. Januar 1947 auch über die Frage der Nothilfe im strengen Winter, wenn auch nachrangig. Noch im selben Monat jedoch griff das Kölner Blatt das Thema erneut auf und ließ einige "Fringser" zu Wort kommen. In einem Kommentar meinte der Redakteur schließlich: "Die Moral sinkt unter dem Würgegriff der Not. Nur zum Teil sind sich die Menschen ihres Handelns bewusst. Das Gebot der Menschlichkeit erfordert, Frau und Kind nicht frieren zu lassen."

Erst dieser Bericht — so scheint es — ließ die Besatzungsbehörden hellhörig werden. Gouverneur Asbury erkundigte sich zunächst bei der "Kölnischen Rundschau" über den Sachverhalt und wandte sich dann an Erzbischof Frings, um ihn zu bitten, den Kohlenklau öffentlich zu verurteilen.

Er sei wegen des Ausmaßes des Diebstahls sehr besorgt. Und auch der Kardinal war sich seiner Verantwortung bewusst. Schließlich hatten die Bischöfe das Grundrecht auf Eigentum vielfach betont. Deswegen ließ er am 14. Januar 1947 eine Erklärung über die "Grenzen der Selbsthilfe" veröffentlichen. Drei Tage später fuhr Frings nach Düsseldorf, wo er Asbury treffen sollte.

Die Position des Kardinals war übrigens nicht neu. Bereits vorher hatten die (Erz-) Bischöfe von Aachen und Paderborn entsprechende Direktiven über das "Zugreifen auf fremdes Eigentum in höchster Not unter bestimmten Umständen" herausgegeben. Schließlich entsprach diese Form der Nothilfe der katholischen Morallehre, insbesondere der Verpflichtung des Eigentums zum allgemeinen Wohl.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit (1945/48) wurde Josef Kardinal Frings, zum "Sprecher der Nation" ("Der Spiegel", 1963). Die alte staatliche Autorität war zusammengebrochen, eine neue noch nicht begründet. Die katholische Kirche galt als einzige noch funktionierende und zugleich unbelastete Institution, die sich gegenüber den Besatzungsmächten zum Fürsprecher des geschlagenen Deutschen Volkes machen konnte.

Noch knapp 20 Jahre später berichtete das Hamburger Wochenmagazin "Der Spiegel" (50/1963) über den damaligen Konzilsvater des zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965): "Im Frühjahr 1945, als die Alliierten in das von ihnen zerstörte Köln einzogen, wurde Frings zum prominentesten Not-Helfer." Mit seiner berühmten Silvesterpredigt habe er das Gewissen seiner Gläubigen erleichtert. Überhaupt sei der Spross einer angesehenen Neusser Kaufmannsfamilie in sozialpolitischer Hinsicht sehr fortschrittlich.

(NGZ)