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Neuss: Ein-Euro-Jobs ohne Zukunft?

Neuss : Ein-Euro-Jobs ohne Zukunft?

Bei der Neusser Radstation und dem Caritas-Kaufhaus lernen Langzeitarbeitslose ein geregeltes Arbeitsleben kennen. Doch diese Sozialprojekte stehen auf der Kippe – das Jobcenter will zum Jahresende Fördermittel streichen.

Oliver Schmeier geht jeden Tag zur Arbeit. Er repariert Fahrräder, gibt Bestellungen auf und macht die Kasse. Offen geht der 41-Jährige auf Kunden zu, er lacht viel, ist freundlich, auch zu seinen Kollegen, die ihm auf die Schulter klopfen, wenn er vorbei geht. Eigentlich ist Oliver Schmeier arbeitslos, seit 2005 ist er ohne Job. Er hatte Probleme, war aggressiv, lustlos, seine Beziehung ging in die Brüche. Vor rund einem Jahr kam dann die Wende: Schmeier bekam einen Job bei der Neusser Radstation, eine sogenannte AGH (Arbeitsgelegenheit) mit der Langzeitarbeitslose wie er wieder ins Erwerbsleben integriert werden sollen.

Denen helfen, die ganz unten sind

Von dem fröhlichen, freundlichen Menschen von heute hatte Oliver Schmeier damals nicht viel gemein. "Da musste ich mich erst wieder rantasten", sagt der 41-Jährige, der sich fest vorgenommen hat, nach dieser Arbeitsbeschaffungsmaßnahme nicht wieder zurückzufallen in die Lethargie von damals, sondern sich einen Job zu suchen, irgendeinen, um nicht zu verlieren, was er sich in den vergangenen Monaten aufgebaut hat. "Am liebsten würde ich weiter als Zweiradmechaniker arbeiten", sagt er.

Es sind Schicksale wie Oliver Schmeier, die Dirk Jünger von der Neusser Caritas dazu motivieren, für die Radstation, die der katholische Sozialdienst betreibt, zu kämpfen. "Wir kümmern uns um die, die ganz unten sind", sagt Jünger. Nicht nur mit der Radstation, sondern auch mit dem Caritas-Kaufhaus, wo es ebenfalls darum geht, Langzeitarbeitslosen wieder eine Perspektive zu geben. 55 Plätze zur Wiedereingliederung ins Erwerbsleben halten diese beiden Einrichtungen vor – doch ob die auch in Zukunft vom Jobcenter finanziert werden, ist ungewiss. Denn die Bundesagentur für Arbeit hat ihre Prioritäten neu gesetzt, und ihre Mittel umverteilt. Eingliederungsmaßnahmen wie der "Ein-Euro-Job" von denen auch die Beschäftigten der Caritas-Einrichtungen profitieren, sollen eingespart werden. Denn nur rund jeder zehnte Geförderte schafft es, in einen sozialversicherungspflichtigen Job zu wechseln. Die Arbeitsagentur rechnet wirtschaftlich – ist der Aufwand hoch, der Ertrag aber gering, wird die Förderung gestrichen. Dirk Jünger findet das fatal. "Wir brauchen Hilfsstrukturen für diejenigen, die es alleine nicht schaffen", sagt er und verweist auf die große Zahl der Langzeitarbeitslosen, die einen gleichbleibenden Sockel bilden, obwohl die Zahl der Arbeitslosen insgesamt sinkt. Deswegen ist Jünger in Gesprächen mit dem Jobcenter und der Stadt, um die Zukunft der beiden Caritas-Einrichtungen zu sichern, deren Fortbestand ab Januar unsicher ist. Und um Menschen wie Oliver Schmeier weiter zu ermöglichen, sich ein geregeltes Leben zu erarbeiten.

(NGZ)