Neuss: Ein Besuch bei "Clavigo"

Neuss: Ein Besuch bei "Clavigo"

Im Rheinischen Landestheater hat am kommenden Freitag Goethes Drama "Clavigo" Premiere. Noch wird an der Aufführung unter der Regie von Alexander Marusch gearbeitet. Ein Probenbericht.

Drei Tage vor der Premiere von Goethes "Clavigo" kämpfen Schauspieler und Regisseur bei den letzten Proben um Haltung. Dabei ist durchaus beides gemeint: Die rein körperliche Verortung und die geistige Position. Bühnenbild, Musik, Text – darum kann und darf es keine Diskussionen mehr geben. Vielmehr ringt Regisseur Alexander Marusch um Details.

Goethe hat mit "Clavigo" den inneren Kampf des Menschen auf dem Scheideweg zwischen Liebe und Erfolg nachgezeichnet. Dieser grundsätzlichen Thematik will auch die Inszenierung des Rheinischen Landestheaters nachspüren. Doch das Frauenbild des Dichterfürsten, der seiner Zeit in der Ausformulierung eines patriarchalen Systems streng gefolgt ist und Marie als stets einer Ohnmacht nahen Frauenzimmer skizzierte, ist deutlich überarbeitet worden. "Wir geben Marie eine Stimme", macht Dramaturgin Alexandra Jacob deutlich. Melanie Vollmer soll Marie selbstbewusster spielen. Wenn Clavigo seiner Holden also den Laufpass gibt, "dann wird sich Marie ihm später nicht willenlos in die Arme werfen", verrät Jacob.

Das Verfremden und Anpassen hat aber seine Grenzen. Dann nämlich, wenn Darsteller unvermittelt aus ihrer Rolle herausfallen sollen, um einen Epilog vor bereits geschlossenem Vorhang zu sprechen. "Ich will nur deine Stimme, kein Spiel", weist Regisseur Marusch an – André Felgenhauer (Carlos) sieht unglücklich aus. Nüchtern, fast wie ein Tagesschau-Sprecher, greift er gemeinsam mit Melanie Vollmer einen Dialog zwischen Clavigo und Carlos aus der Anfangsszene auf. Es wirkt jedoch noch arg gequält und gekünstelt, wenn das einstige Männergespräch nun auch als Ausblick auf homosexuelle Liebesbeziehungen verstanden werden soll. Spätestens in der Generalprobe wird endgültig darüber entschieden, ob der Epilog bestehen bleiben soll.

Bis dahin muss sich auch Roman Konieczny endgültig in seine zerrissene Rolle des Clavigo eingefunden haben. In den intensiven Dialogen mit Maries Bruder Beaumarchais (Stefan Schleue) vollzieht sich die Trennlinie des dargestellten Diskurses: Aufbruch in eine selbst bestimmte Zeit hier, Festhalten an zementierten Normen dort. Für die Neusser Zuschauer wird diese Trennung auch im Bühnenbild ersichtlich. Ein Steg führt von der Bühne bis in den Zuschauerraum. "Er wird aber nur den vorwärts denkenden Personen offen stehen", so Dramaturgin Alexandra Jacob.

(NGZ)