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Neuss: Ein Besuch bei Anatol

Neuss : Ein Besuch bei Anatol

Seit 30 Jahren arbeitet der Bildhauer und Maler auf der Museumsinsel Hombroich. Wer mag, beobachtet ihn beim Schmieden und Hämmern und kommt in den Genuss eines Gesprächs – oder einer Handvoll Brombeeren.

Seit 30 Jahren arbeitet der Bildhauer und Maler auf der Museumsinsel Hombroich. Wer mag, beobachtet ihn beim Schmieden und Hämmern und kommt in den Genuss eines Gesprächs — oder einer Handvoll Brombeeren.

"Wollt ihr mal reinkommen?" Die Gruppe junger Damen aus dem niederländischen Maastricht schaut ungläubig. Bittet der Künstler sie da soeben in seine Hütte? Genau das tut der Mann in der Latzhose mit dem ausgeprägten Schnurrbad und der Kappe auf dem Kopf. "Schaut euch ruhig um." Zögerlich betreten die Mädchen das Holzhäuschen, in dem Anatol auf der Museumsinsel Hombroich seit rund 30 Jahren residiert. Einem masurischen Bauernhaus ist die Kate nachempfunden, eine Hommage an Anatols ostpreußische Herkunft.

Drinnen: Fotos von Familie und Freunden an den Wänden, ein Holzofen, ein Bett, Pinsel, Hüte und Kappen, und überall Bilder, Bilder, Bilder. Dazwischen der dominante dunkle Holztisch, um den drei thronartige Stühle stehen. "Anatol", "Erdmute" und "Müller" sind in Großbuchstaben in die Lehnen geritzt. "Müller", das ist der Düsseldorfer Kunstsammler Karl-Heinrich Müller, Stifter der Museumsinsel und Freund Anatols. "Bis zu seinem Tod vor vier Jahren haben wir hier oft zusammengesessen, wir drei", erinnert sich Anatol. "Dieser Tisch ist aus einem alten Klostergestühl gebaut, das Eichenholz stammt aus dem 14. oder 15. Jahrhundert." Und damit dem alten Holz nichts passiert, müssen Gäste beim Kaffeetrinken eine Serviette unterlegen. Darauf achtet Erdmute, von allen Misi genannt.

Dass seine "Hütte" derzeit so voll gestellt ist mit Bildern, sei seinem zweimonatigen Urlaub auf Sylt zu verdanken, sagt Anatol. Im Atelier einer Freundin habe er gemalt - wenn man nicht gerade spazieren gegangen sei oder gebadet habe. Zurück auf der heimischen Museumsinsel hat er sich gleich an ein neues Projekt gemacht: Drei weitere Wächter will er bauen. Die Wächter, das sind Stahlfiguren unterschiedlicher Größe, denen Anatol sich in den vergangenen Jahren verstärkt widmet. Sie sind gepanzert und mit einem Stahl bewaffnet. "Zu ihren Füßen sollen Schmetterlinge fliegen und Blumen wachsen", sagt Anatol, der mal Schmied gelernt hat, bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte und bis zur Pensionierung Polizeibeamter war.

Besucher, die bei einem Spaziergang über die verwunschene Museumsinsel an Anatols Haus vorbei kommen, können vor der Hütte einige der Arbeiten sehen, an denen Anatol gerade arbeitet oder die schon fertig geworden sind. Seine Großplastiken "Das Parlament" und "Arbeitszeit Kirche" sind auf Hombroich ebenso zu sehen wie seine "Sonnenkanone", der "König David" oder der "Krieger". Und oft begegnet man dem Künstler bei der Arbeit. "Die Leute fragen mich dann, was ich gerade mache — und das ist gut so", sagt Anatol. "Sie sind meine Gäste und freuen sich, wenn sie mich kennen. Der Dialog mit den Menschen, das ist doch auch meine Aufgabe."

Natürlich sei er heute ein anderer als früher, als er mit Beuys, Immendorf und Co. durch die Düsseldorfer Altstadt zog. "Ich bin aber kein alter Mann, wenn ich arbeite. Wenn ich loslege mit meinem Material, hämmere und schmiede, dann ist es noch genau wie früher." Anatol ist bodenständig, hochtrabendes Gerede über die Kunst und ihre Ästhetik - dafür sei er nicht zuständig. Dabei ist das, was er erzählt, mitunter sehr philosophisch, immer lehrreich und manchmal erst mit etwas Nachdenken zu verstehen. Und ganz nebenbei erfährt man, dass Beuys ein richtiger guter Koch war.

Er wäre gerne Schauspieler gewesen, sagt Anatol, während er hinter seinem Häuschen an der Brombeerhecke steht und eifrig die süßen, schwarzen Früchte pflückt, die er und Erdmute hier angebaut haben. "Ich war ja Puppenspieler und wollte eigentlich auf die Bühne — warum das nicht geklappt hat, weiß ich gar nicht."

(NGZ/rl)