Neuss: Ein Abend zu Ehren von Heinrich Böll

Neuss: Ein Abend zu Ehren von Heinrich Böll

Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers und Nobelpreisträgers gastierte jetzt dessen Sohn René in der Neusser Stadtbibliothek.

Kurz vor dem Jahresende ist der Leitung der Neusser Stadtbibliothek ein besonderer Coup gelungen. Der 100. Geburtstag des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Heinrich Böll war ein willkommener Anlass, dessen Sohn René für einen Abend über Bölls berühmtes "Irisches Tagebuch" einzuladen. Anhand von Fotos und Dokumenten berichtete er über die Aufenthalte der Familie auf Achill Island und das Entstehen des Reiseklassikers aus dem Jahr 1957. Zusammen mit der Lesung von Textpassagen durch die Schauspielerin Mareen Meibeck und der Musik der Irish Folk Band "Seisiún" wurde der Abend zu einem großartigen Erlebnis.

Wie man weiß, beschreibt Heinrich Böll Irland zu einem Zeitpunkt, als es noch eines der ärmsten Länder Europas in isolierter Randlage war. Seine Beschreibung persönlicher Begegnungen vermittelt einen teils schwermütigen, jedoch durchweg positiven Eindruck von dem Land und seinen Bewohnern. 1954 war der Schriftsteller zum ersten Mal nach Achill Island gekommen, ohne die Familie. Immer wieder reiste er in den folgenden Jahren mit seiner Frau und den drei Söhnen auf die Insel und kaufte sich schließlich 1958 dort ein Cottage.

René, am 31. Juli 1948 als dritter Sohn Bölls geboren, wird im nächsten Jahr 70 Jahre alt. Seine Anmerkungen zu den irischen Jahren der Familie und seinen noch heute bestehenden Kontakten waren zurückhaltend, frei von jeder Zur-Schau-Stellung eines prominenten Lebens. Man erfuhr Interessantes auch über die finanziellen Anstrengungen einer Nachkriegsfamilie.

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Im Jahr seiner ersten Irlandreise hatte Vater Heinrich mit einer gewaltigen Hypothek in Köln ein Haus gekauft. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, in der Folgezeit weitere Schulden zu machen, damit auch die Ehefrau und die Kinder auf die grüne Insel reisen konnten. "Allein der Transport unseres Autos mit dem Schiff war aufwendig und ziemlich teuer, denn jedes einzelne Fahrzeug musste mit einem Kran verladen werden", erzählte er.

Dafür aber blieb die Familie gleich vier Monate an der irischen Westküste. Die Kinder mussten nicht zur Schule gehen, sondern wurden von der Mutter, einer ausgebildeten Lehrerin, unterrichtet. Das Leben, das die Deutschen dort kennenlernten, war von großer Einfachheit und Armut geprägt. Nur in wenigen Häusern gab es Strom und fließendes Wasser. Jede Familie führte ein Schuldenbuch, in welchem alle auf Pump getätigten Ausgaben vermerkt waren. Wenn die Männer dann ein paar Mal im Jahr von ihrem auswärtigen Arbeitseinsatz nach Hause kamen, gingen sie zu den Gläubigern und bezahlten alles. Auch die Familie Böll durfte ein Schuldenbuch führen, allerdings aus einem anderen Grund: Der Umtausch ihres deutschen Geldes führte immer wieder zu größten Schwierigkeiten.

Für alle drei Söhne war die Zeit in Irland wunderbar. Als die Bölls später einmal Urlaub in der Schweiz machten, kam das bei ihnen überhaupt nicht gut an. Emotional berichtete René Böll von einer Entdeckung, die er in späteren Jahren auf Achill Island machte: es gibt dort an einsamen Stellen Dutzende von Friedhöfen für Kinder, die ohne katholische Taufe gestorben waren.

(NGZ)