Rhein-Kreis: Jurypreis des Rhein-Kreises geht an die Telefonseelsorge Neuss

Jurypreis des Rhein-Kreis Neuss : Ehrenamtliche Telefonseelsorger - „Mitfühlen, aber nicht mitleiden“

47 Frauen und 17 Männer engagieren sich ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge Neuss. Sie begleiten Menschen, die sich in einer Lebenskrise befinden, die sich einsam fühlen oder krank sind. Ihr Einsatz überzeugte die Jury.

Über 25 Jahre ist die 74 Jahre alte Neusserin bereits dabei. Sie hat selber eine schwere Lebenskrise überwunden. „Das aber mit einem guten Familienumfeld“, sagt sie. Ihr Name bleibt ungenannt, denn die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge arbeiten anonym. Selbst enge Freunde sind nicht informiert, nur die Familie, denn die muss auf das Familienmitglied regelmäßig verzichten. „In der Regel zwölf Stunden im Monat und zusätzlich acht Nachtdienste pro Jahr sind unsere Leute im Einsatz“, sagt Barbara Keßler, Leiterin der Telefonseelsorge. Sie ist es auch, die gemeinsam mit einer Kollegin den Jurypreis am 2. Juli stellvertretend für das gesamte Team entgegennehmen wird. Denn wie gesagt: Alle 64 Mitarbeiter müssen anonym bleiben.

365 Tage im Jahr, 24 Stunden pro Tag ist die Seelsorge zu erreichen – bis jetzt nur telefonisch, ab dem 10. Juli auch per Mail. Dafür würden gerade neun Helfer geschult, sagt Keßler. Die Schulung nimmt einen breiten Raum ein. Sie geht über neun Monate (davon vier ganze Samstage und jeweils dienstags abends, wobei die Ferien ausgenommen sind). Danach kommt eine sechsmonatige Aufbauphase, in der die „Neuen“ zwar schon die ersten Telefonate annehmen, das aber noch mit „Beistand“. Das wird den Anrufern natürlich mitgeteilt.

Danach arbeiten die Männer und Frauen allein, ein Mal pro Monat gibt es eine Supervision. Gespräche mit den anderen Ehrenamtlern sind nach „Dienstschluss“ immer möglich. „Es gibt manchmal Fälle, die muss man noch mit einem Kollegen besprechen“, sagt die 74-Jährige. Nach 25 Jahren ist ihr klar: „Ich kann was geben, nehme aber genauso viel mit.“

Nach Abschluss der Ausbildung verpflichten sich die Ehrenamtlichen, für mindestens drei Jahre bei der Telefonseelsorge tätig zu sein. Diese drei Jahre hat ein 62 Jahre alter IT-Manager jetzt hinter sich. Er wird weiter machen. „Das geht auch, wenn man noch berufstätig ist“, sagt er. Grundsätzlich aber nur, wenn die Familie das unterstützt. Und er nennt einen wichtigen Punkt in der intensiven Ausbildung: „Man lernt, sich auszugrenzen. Man soll mitfühlen, aber nicht mitleiden.“

 Das ist keinesfalls so einfach, wie es klingt. Denn betont er: „Man wird auch mit Dingen konfrontiert, von denen man bis dahin gar nicht wusste, dass es sie gibt.“ Die Mitarbeiter begleiten am Telefon Menschen, die sich in einer Lebenskrise befinden, die einen Gesprächspartner brauchen, sich einsam fühlen, seelisch oder körperlich krank sind. Wichtig ist: Die Ehrenamtler sind keine Therapeuten. Sie können die Anrufer nur ein Stück begleiten. Aber es gibt auch Anrufer, die sie einfach beschimpfen. Auch dafür müssen die Ehrenamtler gewappnet sein.

Entwickelt haben sich unter den Männern und Frauen längst auch Freundschaften. So haben 17 einen Chor gegründet, nennen sich die „Fledermäuse“. Das Geld für den Jurypreis, 1500 Euro, ist für den Förderverein der Telefonseelsorge bestimmt und wird in die Fortbildung gesteckt.

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