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Neuss: Ehekomödie zwischen Schrecken und Humor

Neuss : Ehekomödie zwischen Schrecken und Humor

Das Stück "Wirklich schade um Fred" im Theater am Schlachthof wahrt die Balance zwischen Aberwitz und Spannung über das Leben im Alter.

In einem Punkt sind sie sich einig: Fred hatte keinen Humor! Ob er aber einen Bart hatte, Sülzwurstbrote verabscheute und ob es 74 oder 75 war, als er in Gummersbach Urlaub machte, darüber können Herr und Frau Pringles beim besten Willen keinen Konsens finden. Allzu undurchdringlich ist das Dickicht, zu dem ihre Erinnerungen im Laufe von all den gemeinsamen Lebensjahrzehnten geworden sind und das längst nicht nur Orientierung sondern auch Gemeinsamkeit verhindert. Zum Fürchten und zum Lachen, traurig, absurd und immer wieder absolut komisch ist das kleine wunderbare Stück von James Saunders "Wirklich schade um Fred", das Sandra Klaas für das Theater am Schlachthof sehr schön inszeniert hat.

Gemeinsam alt werden, das ist der Herzenswunsch, dessen Erfüllung Ernst und Esther nicht zum endlosen Glück, sondern in eine durch Alltäglichkeit und Langeweile entsetzlich öde gewordene Realität geführt hat. Mitten hinein in die schmerzlichen Tabuzonen unserer jugendbesessenen Kultur führt Autor James Saunders seine Zuschauer, macht die Untiefen des Alterns zu zweit erfahrbar und rettet sein Publikum doch immer wieder aus der Depression durch herrliche, absurd-witzige Dialoge und die Spannung eines dunklen Geheimnisses, das die beiden greisen Protagonisten verbindet.

Maria Caecilia Liedhegener und Wilfried Pennekamp zeigen das alternde Paar herrlich facettenreich. Sehnsüchtig nach vergangener Leidenschaft, voller nicht endender Träume, lebendig und quirlig ist Liedhegener als Esther, die ihre trist und reizlos gewordene Welt tapfer mit bunten Häkeldeckchen zu verschönern sucht. Als skeptischen Greis, unbeweglich, direkt, von charmefreier Kompromisslosigkeit zeigt Pennekamp sehr glaubwürdig den alten Ernst, der seinen Restverstand verzweifelt an Kreuzworträtseln zu schärfen sucht und darüber hinaus nach Belegen für eine Wahrheit jenseits der widersprechenden Erinnerungsfetzen der Eheleute fahndet.

Wunderbar macht Sandra Klaas in ihrem Bühnenbild die Tristesse augenfällig in dieser Welt zwischen längst vergilbten Wänden und einem unerbittlich schlagenden Uhrenpendel, auf dem eine bunte Häkelumrandung ein ebenso verzweifelter wie sinnloser Versuch scheint, dem Fortschreiten der Zeit die Schärfe zu nehmen. Und eine famose Idee ist es, die beiden auf zwei entgegengesetzten Schaukeln zu zeigen, auf denen sie nie in Gleichtakt, manchmal aber eben doch unverhofft zueinander finden.

War es Ralf Quink, der einen Schnurrbart trug oder war es Rolf Quink? Und warum versteckte sich Ernst Pringles einst in einem Kleiderschrank? Und dann ausgerechnet in dem von Fred? So wie Ernst und Esther allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder Antworten finden, findet Sandra Klaas in dieser Inszenierung über die Abgründe des Alterns immer wieder zu einer zarten Balance zwischen Schrecken und Humor, die berührt, bewegt, vor allem authentisch und einfach sehenswert ist.

(NGZ)