Drobs Neuss: Ein Leben auf Methadon

Suchtkranke berichten : Ein Leben auf Methadon

Drei Suchtkranke, die seit vielen Jahren unter ärztlicher Kontrolle Methadon statt Heroin nehmen, berichten, wie sie drogenabhängig wurden und schildern ihre Substitutionstherapie. Eine Heilung gibt es für sie nicht.

Dass sie früher heroinabhängig war, wissen nur die wenigsten. Denn Anke (Name von der Redaktion geändert) führt ein scheinbar normales Leben. Die 48-Jährige ist verheiratet, Mutter, geht normal arbeiten. Seit 1997 hängt Anke nicht mehr an der Nadel, wohl aber an dem Opioid Methadon und schluckt jeden Morgen ihre Dosis. „Mittlerweile bin ich länger im Methadon-Programm, als ich je auf Heroin war“, erzählt sie.

Als vor 30 Jahren das erste Methadon-Modellprojekt in NRW gestartet und 1993 flächendeckend eingeführt wurde, hatten Politiker und Suchtexperten noch eine andere Hoffnung. „Die Vorstellung war, dass Abhängige nach zwei bis fünf Jahren Substitution herunter dosiert werden können“, erklärt Norbert Bläsing, Leiter der Drogenberatungsstelle (Drobs) Neuss: „Doch das hat nicht funktioniert.“

Drei Suchtkranke, die seit vielen Jahren unter ärztlicher Kontrolle Methadon statt Heroin nehmen, haben im Gespräch mit der NGZ über ihre Substitutionstherapie berichtet – ihre Namen möchten sie nicht nennen. Ankes Weg zur Drogensucht verlief rasant: „Mit 16 bin ich zu Hause ausgerissen, traf auf Alt-Junkies, ein Jahr später war ich abhängig.“ Als sie ins Gefängnis musste, folgte ein kalter Entzug. „Fünf Jahre lang war ich komplett clean“, berichtet sie. In dieser Zeit machte sie ihr Abitur nach, schloss eine Ausbildung ab. Doch als ihr damaliger Partner rückfällig wurde, wurde auch sie schwach, spritzte wieder Heroin. Erst als sie schwanger war, kam sie ins Methadon-Programm.

Seitdem hat sie ihr Leben wieder im Griff. „Methadon gibt mir die Stabilität für meinen Alltag.“ Andere Drogen nehme sie nicht ein - außer hin und wieder ein Glas Bier. Damit ist Anke aber eher die Ausnahme. Eben weil ihr ein geregelter Alltag gelingt, darf sie die Methadon-Dosis als sogenannte Take-Home-Verordnung zu Hause einnehmen. „Oftmals stellen Ärzte diese Verordnungen aus, wenn Substituierte ein halbes Jahr lang ohne Beikonsum sind“, erklärt Claudia Winkel, Diplom-Sozialpädagogin in der Drobs.

Regelmäßig gibt es daher Urinkontrollen. Denn viele nehmen weiterhin andere Drogen wie Alkohol oder Benzodiazepine ein, weiß Suchttherapeut Bläsing. Ohne Psychopharmaka hin und wieder geht es zum Beispiel bei Henry nicht – trotz der täglichen Methadon-Dosis, die sich der 46-Jährige seit 1988 jeden Morgen holt.

Bereits als Jugendlicher trank Henry zu viel. „Dann folgte Cannabis, später habe ich 20 Jahre lang Heroin gespritzt.“ Ein geregeltes Leben kannte er nicht mehr, Geld für die Droge zu beschaffen, wurde zum Lebensinhalt. Er wurde obdachlos, klaute, landete ebenfalls im Gefängnis. Obwohl Henry den Beikonsum nicht lassen kann, bleibt er im Methadon-Programm. „Es gibt unterschiedliche Behandlungsziele“, sagt er. In seinem Fall sei wichtig, nicht kriminell zu werden, ein Dach über dem Kopf zu haben. „Komplette Abstinenz schaffe ich nicht.“ Auch wenn er jeden Morgen heftige Entzugserscheinungen und zudem schwere Nebenwirkungen durch Methadon habe, sagt er: „Mir geht es damit besser als ohne.“

Henry, der einen Abschluss an der Höheren Handelsschule hat, lebt von Hartz IV, engagiert sich ehrenamtlich, betreut eine kranke Verwandte. Ähnlich sieht der Alltag von Sabine aus. Die heute 53-Jährige wurde 1994 erstmals mit Methadon substituiert. Da hatte sie bereits eine lange Drogengeschichte hinter sich. „Ich fing als Elfjährige mit Alkohol an. Der stand schon mittags bei meinen Eltern auf dem Tisch“, erzählt sie. Den ersten Schuss setzte sie sich mit 18. Weil sie sich beim Spritzen mit Hepatitis C angesteckt hatte, wurde sie ins Methadon-Programm aufgenommen.

„Damals gab es noch einen Legitimationsdruck“, sagt Bläsing. „Aidskranke, Hepatitis-C- und Aids-Infizierte sowie Schwangere kamen schneller ins Programm.“ Methadon ist zwar eine legale Substanz, deren Verwendung im Betäubungsmittelgesetz geregelt ist, sie ist aber ebenso süchtig machend wie Heroin. „Ohne Methadon geht es einfach nicht“, gibt Anke zu. Und Sabine bestätigt: „Die Sucht bleibt ja, eine Heilung davon gibt es leider nicht. Und von Methadon herunterzukommen, das ist noch schwerer als vom Heroin.“

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