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"Dritter Ort": Stadtbibliothek Neuss wird als Begegnungszentrum gestärkt

Wandel am Neumarkt : Stadtbibliothek Neuss wird als Begegnungszentrum gestärkt

Die Bücherei ist keine Option für den Wendersplatz. Das schafft Planungssicherheit für ihre Entwicklung am alten Standort.

Skandinaviens größte Bücherei, das „Dokk1“ im dänischen Aarhus, hat die Ideen der Verwaltungsspitze für eine Bebauung des Wendersplatzes geprägt. In der Verbindung von Verwaltung und Kultur soll – wie in der Ostseestadt – am östlichen Innenstadtrand ein multipler Kultur- und Veranstaltungsort entstehen. Aber: ohne Bücherei.

Die sieht die Kulturdezernentin Christiane Zangs in der Innenstadt und als belebenden Faktor für den Neumarkt besser aufgehoben. Weil sie genauso wie die Politik am Wendersplatz – Stand jetzt – einen Museumsneubau favorisiert, gab die SPD in Kulturausschuss und Rat sämtliche Vorbehalte gegen eine Weiterentwicklung der Stadtbücherei am Standort Neumarkt auf. Man könne, argumentierte Hartmut Rohmer, „wegen Planungen für den Wendersplatz, die weit in die 2020er Jahre reichen, nicht die Notwendigkeiten der Gegenwart zurückstellen.“

Basis für die Modernisierung der Stadtbibliothek ist eine Bestandsaufnahme plus Analyse, die jetzt den Gremien vorgelegt wurde. Sie belegt: Die Bücherei ist natürlich ein Ort, an dem Medien ausgeliehen werden – aber nicht nur. Vielmehr wandelt sich das 1907 als „Städtische Bücher- und Lesehalle“ gegründete Institut, das bei den Ausleihzahlen seit 2016 einen Rückgang um 15 Prozent verzeichnen musste, immer mehr zu einem Lernort und Treffpunkt.

  • NGZ-Foto: C. Kleinau
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Eine Konsequenz daraus ist, dass nicht mehr das Medium im Mittelpunkt steht, sondern der Kunde. Henny Rönneper (Grüne) war darüber zunächst erschrocken, sagte sie, weil in der Analyse „von Büchern kaum die Rede ist“. Und weil diese Skepsis andere teilten, wurde festgelegt, den Medienetat in voller Höhe zu erhalten.

Das Argument „Mensch im Mittelpunkt“ war ferner ausschlaggebend dafür, ein „Mahnwesen“ einzufordern, das die Büchereileitung zunächst nicht etablieren wollte. Eine Begründung: Würde man die Nutzer per Mail darauf aufmerksam machen, dass die Frist für ihre ausgeliehenen Medien bald abläuft, gingen der Bücherei jährlich rund 20.000 Euro an Säumnisgebühren verloren. So könne man nicht denken, wenn man den Kunden in den Mittelpunkt stellt, sagt Michael Hohlmann. Und weil dieser Einnahmeausfall intern mit dem Medienetat verrechnet werden könnte, soll der um jene 20.000 Euro aufgestockt werden. Sicher ist sicher.

Beschlossen wurde ferner, auf der Basis der vorliegenden Analyse nicht nur ein modulares Konzept samt Kostenschätzung und Zeitrahmen zu entwickeln, sondern einen Architekten mit der Fragestellung zu beschäftigen, wie das Bibliotheksgebäude im Innern (um)gestaltet werden müsste, um den Charakter als Treffpunkt und Lernort zu stärken. Hinter dieser Wandlung steht die Idee und Formulierung „Dritter Ort“, die Jana Pavlic (FDP) so zusammenfasst. „Die Bücherei ist neben dem Zuhause und der Arbeit oder Schule der Ort, an dem jeder seinen kulturellen Horizont erweitern kann.“

Neben vielen Stärken der Stadtbibliothek als „nicht-kommerzieller Aufenthaltsort“ in der Innenstadt deckt die Analyse auch deutliche Schwächen auf: zu wenig Arbeitsräume, schlechte Aufenthaltsqualität und vor alle zu eingeschränkte Öffnungszeiten. Die möchte das Büchereiteam um Claudia Büchel von derzeit 37 auf 45 Wochenstunden ausweiten.