1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Drei Künstlerinnen zeigen barocke Pracht

Neuss : Drei Künstlerinnen zeigen barocke Pracht

Nach der Transparenz geht es in der zweiten Ausstellung des Vereins "Wurzel und Flügel" auf Schloss Reuschenberg um die Opulenz. Drei Künstlerinnen werden präsentiert, die völlig unterschiedliche Arbeiten zeigen.

Von Glück allein kann man nicht reden. Glück hat Beate Düsterberg mit ihrer Kunstinitiative "Wurzeln und Flügel" höchstens insofern, als dass die Künstler, die sie gerne ausstellen möchte, auch sofort dabei sind. Aber dass sie sie überhaupt findet, hat mehr mit ihrer eigenen Passion für bildende Kunst zu tun und dem Gespür und dem (dann doch) glücklichen Händchen für die richtige Paarung. Dann kann - wie derzeit in den Nebengebäuden von Schloss Reuschenberg zu sehen - daraus ein so großartiges und spannendes Projekt wie "transparent" und "Opulenz Struktur" entstehen.

In zwei Schritten kamen diese Ausstellungen zustande. Und wer die bereits vor einigen Wochen eröffnete Schau "transparent" mit Mary Bauermeister, David Czupryn, Steven Cone Weeks und Karl Albert (die NGZ berichtete) kennt, sollte auch die zweite mit Malerei von Sala Lieber, Papierskulpturen von Mutsumi Aoki und die Arbeiten der Malerin Sabine Boehl, deren Handwerkszeug nicht der Pinsel, sondern eine Unmenge von Glasperlen ist, genießen. Der Titel "Opulenz" kommt dabei nicht von ungefähr.

Sala Liebers Bildern haftet selbige selbst dann an, wenn sie den Untergrund tiefschwarz hält. Die in Neuss lebende Künstlerin und Meisterschülerin von Professor Herbert Brandl an der Kunstakademie Düsseldorf entwirft barocke Bilderwelten, die immer irgendwo einen kleinen Haken haben. Da gibt es eine Szene, wie sie ein Alter Meister am Hof Spaniens gemalt haben könnte ("Äffchen"). Aber von den wie im Nichts hängenden Kornleuchtern hat sich einer verabschiedet und liegt am Boden. Ein ebenso subtiler wie augenzwinkender Hinweis auf die Brüchigkeit der Situation wie der Titel unter dem Bild mit den zwei kleinwüchsigen Hofnarren: "Deine Haare sind schief".

Sala Lieber kombiniert in ihren zumeist großformatigen Ölbildern barocke Pracht mit Blick und Humor von heute. Ähnlich wie die gebürtige Japanerin Mutsumi Aoki, die aus Papier und Leim (und manchmal auch Wachs) Kleider kreiert, die wie menschliche Körper wirken. Kein Körperteil ist zu sehen, da hängt nur die Jacke mit Rucksack an der Wand, das Rokokokleid oder der Anzug eines Dandys (und der kann weiblicher oder männlicher Natur sein). Die Haltung macht, dass aus Ärmeln Arme werden, das Rokokokleid mit Wespentaille in einem Hofknicks versunken scheint. Auch Aoki narrt unsere Wahrnehmung: Wie soll aus einer Teekanne mit zig Tüllen tropfenfrei eingeschenkt werden? Gar nicht, also bilden zig kleine Quadrate mit dicken Klecksen das Umfeld dieser "Teezeremonie".

Sabine Boehl, Meisterschülerin von Professor Gerhard Merz in Düsseldorf, entspricht dem Titel der Ausstellung in Motiven und Handwerkstechnik. Auch wenn man die Besonderheit von Letztgenanntem auf den ersten Blick nicht wahrnimmt. Was von weitem wie die Malerei von verschlungenen Mustern wirkt, verblüfft aus der Nähe mit seinem filigranen Material. Hundertausende von winzigen Glasperlen in verschiedenen Farben fügen sich zum Bild. Längst kann Boehl die aufwendige Arbeit gar nicht mehr allein leisten, aber jede Arbeit wird von ihr entworfen, auf ein Gitter übertragen und bis in die kleinste Farbnuance festgelegt. Nie verliert sie dabei den malerischen Blick, jedes Bild legt Zeugnis davon ab.

Boehl arbeitet auch mit der Fläche. Immer wieder gibt es Leerstellen, geplant und gewollt und jedes Mal auch überzeugend in die Kartographie ihrer Bilder passend. Sie arbeitet mit Ornamenten und grafischen Mustern genau so überzeugend wie mit figürlichen Darstellungen und Schriften.

(NGZ)