Neuss: Dramen über große Liebe und bösen Verrat

Neuss : Dramen über große Liebe und bösen Verrat

Am Wochenende war das Globe fest in spanischer Hand. Die Fundación Siglo de Oro aus Madrid präsentierte zwei Stücke von Lope de Vega ("Des Gärtners Hund" und "Strafe ohne Rache") und "Heinrich IIIV" von Shakespeare. Drei Rezensionen von Helga Bittner.

Der Hund des Gärtners frisst den Kohl nicht, aber beißt jene, die ihn abbrechen. Dieser Hund ist Gräfin Diana. Als sie mitbekommt, dass ihr Sekretär Teodoro etwas mit ihrer Kammerzofe Marcela hat, merkt sie: Sie selbst mag ihn auch. Und kann es gar nicht haben, dass Teodoro offensichtlich schwer verliebt ist. Sie will ihn sich angeln, auch wenn er für eine Gräfin alles andere als standesgemäß ist.

Sind ihre Gefühle, die sie zu haben glaubt, aus Neid geboren, weil vor ihrer Tür nur so alberne Freier wie der Marquis Ricardo und ihr Cousin Frederico stehen? Oder liebt sie ihn wirklich? Die Antwort lässt eine Weile auf sich warten in der Komödie "El perro del hortelano (Liebe aus Neid oder der Hund des Gärtners) von Lope de Vega, die die Madrider Fundación Siglo de Oro als erste von insgesamt drei Inszenierungen beim Shakespeare-Festival im Globe zeigte.

Eine Geschichte, wie sie auch Shakespeare hätte konstruieren können. Allerdings wäre sie bei ihm wohl raffinierter ausgefallen. Die Volten, die Lope de Vega schlägt, bis Diana und Teodoro tatsächlich ein Paar werden, sind noch abenteuerlicher als bei dem Elisabethaner. Am Ende klappt alles nur, weil eine Finte, die Teodoro zum reichen Herzogssohn macht, als reine Wahrheit verkündet wird. Die Madrider zeigen das Stück in historisch getreuer Ausstattung, aber in einem schlichten Bühnenbild, das ein hochherrschaftliches Anwesen zitiert. Dass den vielen Wortwitzen nur folgen kann, wer des Spanischen mächtig ist, wird tatsächlich zu einem Manko. Die englischen Übertitel ebenso wie die deutsche Inhaltsangabe im Programmheft vermitteln zwar die Handlung in groben Zügen, aber eben keine Feinheiten.

Allerdings setzt de Vega wie auch Shakespeare auf Typen - einer davon ist Teodoros Diener Tristan. Ein echtes Schlitzohr und ein Paradebeispiel für de Vegas stilbildende Figur des "Gracioso", dem komischen Widerpart des Helden in seinen Komödien. Zudem sind die Mitglieder der Fundación in jeder Sekunde der Aufführung präsent, überzeugen mit ihrem kraftvollen Spiel - auch wenn die Inszenierung insgesamt recht konventionell ist.

Eigentlich wollen sie es verbergen, aber das klappt nicht: Casandra und Stiefsohn Frederico lieben einander. Foto: Christoph Krey

Wie universell das aus drei Zugängen bestehende Bühnenbild vom Vortag ist, zeigt sichbei der zweiten Inszenierung. Bot es gerade noch den Rahmen für eine flotte Komödie, ist es nun - dank winziger Veränderungen - das passende Ambiente für ein Drama, das mit Mord endet. "El Castigo sin Venganza" (Strafe ohne Rache) stammt ebenfalls aus der Feder von Lope de Vega und wird genauso wie seine Komödie ganz geradeweg gespielt. Raffinesse zeigen die Madrider weniger im Zugriff auf den Inhalt (von dem Kniff mit live gespielter dramatischer Musik mal abgesehen)als vielmehr in der äußeren Präsentation. Die Kostüme beeindrucken erneut in der Mischung aus historischen Treue und großer theatraler Wirkung. Die Schauspieler überzeugen mit ihren tragischen Figuren genauso wie tags zuvor in der Komödie, verkörpern etwa als Freier nun einen liebenden Marquis, wo es am Tag zuvor noch in gleicher Funktion der eitle Geck sein musste. Ein bisschen "Don Carlos" steckt in dem Drama über Liebe und Verrat. Frederico, obwohl von seinem Vater, dem Herzog von Ferrara geliebt, kommt als Nachfolger nicht infrage, da er aus einer unehelichen Beziehung stammt. Aus einer von vielen des Herzogs. Die adlige Casandra soll ihm den legitimen Erben bescheren, aber die entdeckt ihre Liebe zu Frederico. Der Herzog kommt den beiden auf die Schliche und sinnt auf eine Strafe, die seine Ehre nicht diskreditiert: Er lässt Frederico unwissentlich Casandra töten und ihn dafür dann hinrichten.

Einen echten Shakespeare hatte die Fundación Siglo de Oro allerdings für ihre Reise nach Neuss auch noch im Gepäck. Ihre Inszenierung von "Enrique VIII." (Heinrich VIII.) war für Festivalleiter Rainer Wiertz der hauptsächliche Grund, die Madrider (zum ersten Mal überhaupt) ins Globe zu holen. Und man kann es verstehen. Das Königsdrama um den englischen Herrscher, der für die Hochzeit mit Anne Boleyn mit der katholischen Kirche bricht, um von Katharina von Aragon geschieden werden zu können, ist ein kraftvolle Inszenierung, die aber vermutlich - wäre sie nicht im Dreierpack angeboten worden - einen prägenderen Eindruck gemacht hätte. So aber kennt man schon die Handschrift, vermischen sich die Bilder, zumal da wieder im gleichen Bühnenbild gespielt wird. Und wieder sind die Kostüme wunderbar historisch und gleichzeitig sehr sinnig umgesetzt, damit sowohl Rollenwechsel wie auch Bedeutung der Figur schon äußerlich gut erkennbar ist. Immerhin sind einige Gesichter neu und andere Akzente gesetzt. So laufen die Darsteller anfangs in Grundkostümen auf die Bühne, verbeugen sich kurz und stellen sich somit vor. Warum nur die Männer, nicht aber die Frauen, erschließt sich jedoch nicht.

Ende gut, alles gut: Gräfin Diana bekommt ihren Teodoro, ist der doch gerade (vermeintlich) zum Sohn eines Herzogs aufgestiegen. Foto: Christoph Krey

Schade, dass die elektronische englische Übertitelung anfangs ihren Dienst versagte: Wer das Stück nicht kennt, konnte mit den beiden Figuren, die den Prologus geben und den Wahrheitsgehalt der folgenden Geschichte beteuern, nicht folgen. "All ist true" - alles ist wahr soll ursprünglich mal zum Titel des Dramas gehört haben.

Laut und emotional geht es am Hofe Heinrichs zu (was sich bei einem Platzregen auf das Globe-Dach indes als Segen erweist), leiste Töne ebensowenig wie tiefere Blicke in die Psyche der Figuren passen auch nicht in diese Inszenierung. Den Madridern gelingt dennoch das Kunststück, zwar laut und emotional, aber nie plakativ und theatralisch zu sein. Im zweiten Teil des Stücks, in dem im Sinne des Wortes viel verhandelt wird, zeigt sich jedoch das Manko der fremden Sprache. Die Aufführung zieht sich - wie schön aber, dass das Schlussbild mit Tanz und Musik wieder einfängt.

(NGZ)
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