Diskussion beim Augustinus-Forum Neuss: Im Kampf gegen die Austrittswelle

Diskussion beim Augustinus-Forum Neuss: Kirche kämpft gegen die Austrittswelle

2018 stieg die Zahl der Kirchenaustritte in NRW im Vergleich zu 2017 um 24 Prozent. Was sind die Hintergründe dieses Trends? Lässt sich die Entwicklung noch aufhalten? Das wurde jetzt beim Augustinus-Forum diskutiert.

Die Zahl der Kirchenaustritte steigt. Besonders die 25- bis 40-Jährigen wenden sich von der Kirche ab. Was bewegt diese Menschen? Und was muss getan werden, um diesem Trend entgegenzuwirken? Das Thema „Kirchenaustritt – oder nicht?“ des Augustinus-Forums versprach eine Debatte mit hochkarätigen Podiumsteilnehmern. Was überraschte: Grund für den Gang zum Amtsgericht soll nur selten der Wunsch sein, sich die Kirchensteuer zu ersparen.

Ein Mann zündet im Quirinus-Münster in Neuss eine Opferkerze an. Auch im Rhein-Kreis steigen die Kirchenaustritte stetig. Foto: Hogekamp, Lena

Michael Schlagheck, Leiter des Augustinus-Forums, gab einleitend zu verstehen: „Die Bistümer Köln und Essen sind Spitzenreiter bei den Kirchenaustritten in Nordrhein-Westfalen.“ Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Kirchenaustritte im Vergleich zu 2017 um 24 Prozent gestiegen. Fragen, die er aufwarf: „Warum verlassen so viele Menschen die Kirche? Und was hält die anderen, die nicht die Gottesdienste besuchen?“ Markus Etscheid-Stams, der Persönliche Referent des Generalvikars des Bistums Essen und Mitherausgeber der Studie „Kirchenaustritt oder nicht – wie Kirche sich verändern muss“, erklärte, dass Geld oftmals gar nicht der Grund für einen Austritt sei. Fest steht aber, dass die Austritte sich negativ auf die kirchlichen Einrichtungen und Dienste auswirken können – Etscheid-Stams machte folgende Rechnung auf: „Wenn 5000 Menschen eines Bistums austreten, geht die Kirchensteuer um rund 2,5 Millionen Euro zurück.“

Wesentliche positiv bindende Faktoren seien die Dienste der Caritas und die geistlichen Amtshandlungen aus besonderen Anlässen wie Taufen oder Eheschließungen. Als abstoßend würden die Machtstrukturen und die Sexualmoral bewertet werden. „Befragungen haben ergeben, dass ein Kirchenaustritt nie eine leichtfertig getroffene Entscheidung war“, so Etscheid-Stams. Die kirchliche Welt sei den Betroffenen immer fremder geworden.

Matthias Sellmann ist Professor für Pastoraltheologie in Bochum und Autor des Buches „Gemeinde ohne Zukunft? Theoretische Debatte und praktische Modelle“. Er hält es für wichtig, dass die Kirche als professionell erlebt wird. „Und der Wohlfühlfaktor spielt eine große Rolle.“ Seine Überzeugung: „Überall, wo sich die Kirche keine Mühe gibt, bleiben die Leute weg – das ist wie bei einem Sportverein.“

Elisabeth Neuhaus ist Leiterin der Pastoralabteilung des Bischöflichen Ordinariats in Dresden. „Traditionsgemäß war die Kirche in der DDR ein Ort der Sicherheit – diese Verbundenheit dauert bis heute an“, erklärte Neuhaus. Im Osten sei es etwas Besonderes, Christ zu sein. Dort gebe es keine „Absetzbewegung“. Egal, ob Flut oder Flüchtlinge: Christen engagierten sich in den neuen Bundesländern.

Judith Wolf, die stellvertretende

Direktorin der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“, fragte, ob nicht eine Sexualmoral, die wenig mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun habe und das Pflichtzölibat Gründe für so manchen Kirchenaustritt seien. „Die Kirche muss eine Kunstturnerin sein“, erklärte Sellmann – sie müsse den Spagat zwischen Tradition und Innovation schaffen. Ihm schwebt eine Volkskirche vor, „die nicht nur viele Stile und Formen zulasse, sondern ausdrücklich wolle. Dass es sich um ein sehr komplexes Thema handelt und es keine einfachen Rezepte gibt, machte die Wortmeldung von Superintendent Dietrich Denker deutlich: „Bei uns dürfen Frauen predigen, wir haben kein Problem damit, Homosexuelle zu segnen und auch wir haben viele Kirchenaustritte zu verzeichnen.“ Er sprach von einem Austrittsboom. Wichtig sei die Ökumene in Zeiten, in denen Menschen nicht mehr zwischen evangelisch und katholisch differenzierten.

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