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Neuss: Diplomat der Industrie

Neuss : Diplomat der Industrie

Diplomatie und Leidenschaft sind keine Widersprüche: Wir sprachen mit IHK-Hauptgeschäftsführer Dieter Porschen über die Fähigkeit zur Ironie, über die Euro-Krise, den Tod und die Liebe zum Neuen.

Einmal blitzt einer dieser Rätselmomente auf, der einem nach einem Gespräch nachgeht. Auf die Frage, ob er vor irgendetwas Angst hat, vor dem Tod zum Beispiel, antwortet Dieter Porschen: "Immer weniger" — und über sein Gesicht huscht ein Lächeln, das mehr ein Nicht-Lächeln ist, ein Nicht-Gesichtsausdruck, weil es zu diesem Thema vielleicht keinen passenden gibt. Auf Nachfrage, wie es sei, über die eigene Endlichkeit nachzudenken, sagt er: "Jedes Ding hat seine Zeit" und ergänzt, dass dieses Nachdenken "immer religiös verankert war und es zunehmend wieder mehr wird."

Porschen ist ein Diplomat, der als Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer gewohnt ist, viele an einen Tisch zu holen. Er strahlt dabei unideologische Rationalität aus, die einen davor bewahrt, sich zu verbeißen. Porschen ist Ironiker, der um die Schwierigkeit weiß, ein Ironiker zu sein: Man solle Ironie im kleinen Kreis pflegen, denn "als Kommunikationsmittel nach außen ist sie eher unverständlich".

Stimmt: aber vor aller Kommunikation ist Ironie eine Weise, sich der Wirklichkeit zu nähern; ein reflexiver Blick in die Welt — analytischer Abstand inbegriffen bei allem, was man tut, auch wenn man es leidenschaftlich tut. In diesem Sinne ist Porschen Ironiker. Und so ist im Gespräch mit ihm ein Koordinatensystem spürbar, in dem das Einzelne analytisch verortet ist. So etwas sorgt für steten Durchzug im Austausch der Gedanken. Vielleicht ist diese Analytik Teil des väterlichen Erbes: Porschens Vater ist Atomphysiker, einer, der die Welt zergliedert.

Porschen, der Analytiker: Er sagt etwa, dass das Bild vom ehrbaren Kaufmann für ihn Leitbild wirtschaftlichen Handelns sei; die Soziale Marktwirtschaft sei für ihn die moderne Variante dieser kaufmännischen Ehrbarkeit. Das Soziale ist demnach verankert auch in ethischem Handeln von Unternehmern, die "registrieren, dass sie Teil eines Ganzen sind".

So versteht Porschen seine Arbeit bei der IHK nicht als "pure Interessenvertretung", sondern als "Versuch, gesellschaftliche Aspekte einzubinden." Diese Maxime ist für Porschen auch strategisch geboten: Er weiß sich, weiß Unternehmer, weiß jeden Akteur eingebettet in eine mündige Öffentlichkeit: "Man kann kein Wirtschaftspartner mehr sein, wenn man nicht akzeptiert, dass es jede Menge aufgeklärte Bürger gibt." Interessen sind demnach nur im Diskurs umzusetzen. Umgekehrt gilt Porschens Unwillen Akteuren, die Partikularinteressen unter dem Deckmäntelchen allgemeinen Interesses verbergen — mit Porschen zu reden: "Wenn jemand so tut, als wolle er die Welt retten, und nur seinen Vorgarten meint."

So sieht Porschen die Schuldigen für die Euro-Krise weder allein in fahrlässigen Bänkern noch in skrupellosen Politikern, die Schulden auf Schulden gehäuft haben. Nein, für Porschen sind es wir alle: ein Milieu aus Politikern, die versprochen haben, was sie nicht halten konnten — und aus Bürgern, die sich Dinge bereitwillig versprechen ließen. "Wir alle haben so dafür gesorgt, dass unsere Schulden der nächsten Generation aufgebürdet werden."

Dass nun Rating-Agenturen als böse Buben dastehen, weil sie mit ihren Einschätzungen Zinsen in die Höhe treiben, empfindet Porschen als bitterböse Ironie: "Die Rating-Agenturen werden als Überbringer der schlechten Nachricht geprügelt — dafür, dass sie den Kreislauf des Schuldenmachens stören und klarmachen, dass Geld und Schulden endliche Größen sind."

Sich der Realität stellen, sich verändern — dieses Ideal ist bei Porschen wohl auch charakterlich verankert. Während des Gesprächs hantiert er mit schnellen Fingertipps auf seinem iPad, um im Internet etwas über eine historische Figur nachzulesen. Auf das Gerät angesprochen, sagt er lächelnd: "Ich bin ein altes Spielkind und liebe immer wieder das Neue." Und was hasst Dieter Porschen? Da muss er überlegen. "Ich hasse es, wenn Mittelmaß mit großem Bohei daherkommt", sagt er. Und richtig wütend könne er werden, wenn auf einer Steuerreform "Steuervereinfachung draufsteht und Steuerverkomplizierung drin ist".

Porschen sieht große Worte mit Misstrauen; vielleicht ist ihm, dem Bonner, auch das in die Wiege gelegt: Rheinländer verlieren sich bekanntlich selten in großen Gesten. So bleibt Porschen zurückhaltend, wenn man ihn nach dem einen großen Vorbild fragt: "Das Leben ist zu vielfältig, als dass man nur ein Vorbild haben sollte."

(NGZ/rl)