„Digital Detox“ im Selbstversuch: Wie ist es zwei Wochen ohne Internet zu leben?

„Digital Detox“ im Selbstversuch : Wie es ist, zwei Wochen ohne Internet zu leben

Die Fastenzeit ist vorbei, doch manche Verzichte sind im ganzen Jahr aktuell. „Digital Detox“ ist im Trend. Unsere Autorin hat getestet, wie es ist, zwei Wochen lange ohne Internet zu leben.

In meiner zweiten Woche ohne Internet stürme ich eine Minute nach Ladenschluss in eine Buchhandlung. „Könnte ich noch etwas kaufen?“, frage ich die Verkäuferin und füge hinzu: „Sie würden meinen Abend retten, ich habe nämlich kein Internet mehr.“ Die Frau nickt verständnisvoll: „Ich weiß wie das ist. Als ich umgezogen bin, ging es mir genauso.“

Im Gegensatz zu ihr, habe ich mir die Situation selbst eingebrockt. Als vor einigen Wochen Instagram und Facebook überhaupt nicht mehr und Whatsapp nur noch in Teilen funktionierte, hatte ich nämlich eine Idee: Einmal für zwei Wochen offline gehen. „Digital Detox“ nennen es die Fachleute, eine „interessante Idee“ meine Freunde. Allerdings zählt der Verzicht nur für die Freizeit: Auf der Arbeit werde ich das Internet nach wie vor benutzen.

Gerade einmal 15 Minuten läuft das Experiment, als ich den ersten Verzicht merke. Ich möchte ein Restaurant googlen – aber das muss nun zwei Wochen warten.

Bevor ich offline ging, hab ich über den Amerikaner Paul Miller gelesen. Ein ganzes Jahr hat er ohne Internet gelebt. Anfangs ging es ihm damit gut, er genoss sein Leben „ohne den Druck“, schätzte die Treffen in der „realen Welt.“ Aber bald schon stellte sich Langeweile ein, das Anrufen wurde mühsam, Freunde wendeten sich von ihm ab, weil er schlecht erreichbar war.

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An meinem ersten Abend ohne Internet hatte ich Besuch. Aber es gab auch Feierabende unter der Woche, an denen nichts anstand. Und da fielen gleich eine ganze Reihe von Beschäftigungsmöglichkeiten weg: Kein Netflix, kein Youtube, kein Spotify, kein Whatsapp, kein Instagram...

Wichtiger ist aber eine andere Erfahrung, die ich gemacht habe: Sobald sich ein wenig Leerlauf in meinen Tag einschleicht, greife ich automatisch zum Handy und entsperrte es, ohne eine richtige Ahnung zu haben, was ich damit eigentlich machen möchte: „Neue Whatsapp-Nachrichten lesen? Durch Instagram scrollen? Eilmeldungen prüfen?“

Mein Bildschirm zeigt mir plötzlich einen Stillstand, den es sonst nur selten gibt. Das Internet schafft es immer wieder unsere Aufmerksamkeit zu binden, weil darin jede Sekunde etwas Neues passiert. Soziale Netzwerke haben sich längst darauf eingestellt und ihre Algorithmen so eingerichtet, dass sie uns ständig eine Aktualisierung bieten. Das Leben wird schneller und wir immer verfügbarer.

Bald ließ ich mein Handy ganz in der Tasche. Und meine Feierabende bekamen gefühlt mehr Stunden. Ja, ich wurde sogar produktiver. Vielleicht, weil ich eine Sache ohne Unterbrechung zu Ende brachte. Wie schnell lässt man sich sonst durch das aufblinkende Handy ablenken?

Meine Erkenntnisse passen zu einer Studie von Microsoft, die vor einigen Jahren für Aufregung gesorgt hat: Dort haben Forscher festgestellt, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen gesunken ist und nun kürzer als die eines Goldfisches ist. Es wurde ein Zusammenhang zur Digitalisierung gesehen.

Während meines Versuchs hörte ich oft den Satz: „Das könnte ich nicht.“ Wenn das Internet so sehr den Alltag bestimmt, ist es dann schon eine Sucht?

Ich spreche mit Verena Verhoeven, sie leitet die Fachstelle Glücksspielsucht der Caritas in Neuss. Während Online-Glücksspielsucht seit vergangenem Jahr eine anerkannte Krankheit ist, forschen Wissenschaftler noch, ob es sich bei der Internetabhängigkeit um eine eigenständige Krankheit handelt oder ob sie nur das Symptom von anderen Leiden ist.

Von einer Internetsucht zu sprechen sei schwierig, weil das Internet nur den Zugang zu vielen verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten bietet, sagt Verhoeven. Man braucht es zum Beispiel für die Arbeit, man kann darin aber auch Online-Spiele zocken, sich in sozialen Netzwerken aufhalten oder Dinge auf Auktionsplattformen ersteigern. „Da muss man differenzieren“, sagt die Expertin. Das man gleich von dem gesamten Internet abhängig wird, sei unwahrscheinlich.

Online-Spiele hätten ganz eigene Mittel, ihre Nutzer an sich zu binden. „Dadurch, dass sie rund um die Uhr laufen, bekommen die Spieler das Gefühl in der virtuellen Welt ständig verfügbar sein zu müssen“, sagt Verhoeven. Und Wissenschaftler haben herausgefunden, das Likes in sozialen Netzwerken wie eine Belohnung wirken und den Dopamin-Ausstoß ankurbeln. Wann aber spricht man von einer Abhängigkeit? „Man ist nicht gleich süchtig, nur weil man viel Zeit mit einem Online-Spiel oder in den sozialen Netzwerken verbringt“, erklärt Verhoeven. „Wichtiger ist die Frage, welche Funktion es für die Betroffenen erfüllt.“ Wird durch die Nutzung etwas kompensiert, was im realen Leben nicht vorhanden ist? Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn man in sozialen Netzwerken oder Online-Spielen nach Anerkennung sucht, die anderswo ausbleibt. „Entscheidend bei dieser Frage ist also, ob eine psychische Abhängigkeit vorliegt“, sagt Verhoeven. Der Weg zur Sucht sei schleichend, oft setze er mit missbräuchlicher Verwendung ein. Der Betroffene kann seinen Konsum kaum noch kontrollieren und bei Entzug kreisen die Gedanken nur noch um den Verlust. „Isoliert sich derjenige auch sozial, könnte es die Qualität einer Suchterkrankung haben“, sagt sie und fügt hinzu. „Generell gilt: Wenn man sich sein Verhalten bewusst macht, ist ein wichtiger Schritt getan.“

Dass einigen das ständige „Online- Sein“ zu viel wird, zeigt sich in den Gegenbewegungen. Unzählige Buchtitel versprechen Tipps, wie die eigene digitale Entgiftung gelingen kann.

Aber das Internet bietet auch Komfort: Und darauf zu verzichten,  fiel nicht leicht. Das zeigte sich in banalen Dingen – wie oft wollte ich in den zwei Wochen Fotos oder Sprachnachrichten verschicken. Schlimmer war aber das Googlen: Ohne Internet, so wird mir klar, muss man um einiges besser organisiert sein. Denn unterwegs mal schnell eine Adresse, Telefonnummer oder Zugverbindung nachsehen, klappt nicht. Auch an den Wochenendplanungen, die größtenteils in Gruppenchats stattfinden, konnte ich nur dank Vermittlungsspersonen teilnehmen.

Manchmal erwischte ich mich in meinem Versuch dabei, dass ich darüber nachdachte, was ich gerade alles verpasste. Wie viele ungelesene Nachrichten wohl in meinem Whatsapp gelandet waren, wie viel in den anderen sozialen Medien passiert ist. Ich fühlte mich etwas abgeschieden auf meiner SMS-Insel. Als ich wieder online ging – brauchte mein Handy einen Moment. Nachrichten liefen ein, Apps wurden aktualisiert. Aber nachdem ich alles durchgesehen hatte, stellte ich fest: Verpasst hatte ich nicht sehr viel.

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