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Neuss: Die Wasserfälle von Neuss

Neuss : Die Wasserfälle von Neuss

In einem Gastbeitrag erzählt Otto Saarbourg die Geschichte der historischen Anlagen zur Wasserlenkung in der Quirinusstadt. Der Architekt und Ingenieur wurde 1926 in Neuss geboren und hat sich von jeher mit der Neusser Geschichte befasst. Der Aufsatz ist auch in der aktuellen Ausgabe des Jahrbuchs Novaesium erschienen.

Neben dem Wind war die Kraft des Wassers für den Menschen jahrhundertelang der einzig wirksame Energiespender. Durch wassertechnische Bauten wusste er fließendes Wasser so zu lenken, dass er es für den Antrieb seiner mechanischen Anlagen nutzbar machen konnte. Es kam nur darauf an, Wassermassen geschickt so zu leiten, dass sie mit wirksamem Druck an der richtigen Stelle eingesetzt werden konnten. Im Stadtgebiet Neuss gibt es für solche, von Menschen hergestellte Lenkungen der Wasserkraft in Form von Wasserbremsen oder Wasserdosieranlagen einige gute Beispiele.

 Der Plan von Aimable Hageau vom Epanchoir (l.) und der Wasserfall an der Augustinusstraße 1971.
Der Plan von Aimable Hageau vom Epanchoir (l.) und der Wasserfall an der Augustinusstraße 1971. Foto: Stadtarchiv

Die "Ark"

Vom Süden der STadt Neuss aus gesehen wäre als erstes zu nennen das Stauwehr im Selikumer Busch, genannt die Ark bzw in der Neuzeit Napoleonswehr. Nach der im 14. Jahrhundert einsetzenden und durch verheerende Sturmfluten geförderten Verlagerung des Rheinstroms nach Osten schied dieser als nahe Wasser- und Energiequelle für die Stadt Neuss aus und ließ schließlich auch den Wasserstand im Stadtgraben besorgniserregend absinken. Gegenmaßnahmen wurden dringend erforderlich. Auf Antrag Neusser Bürger an den damaligen Erzbischof von Köln, Dietrich von Moers, gestattete dieser als Grundherr im Jahre 1456 die Anlage der Obererft als neuen, von Menschenhand zu schaffenden, künstlichen Zufluss mit kräftiger Wasserspende. Während die Erft damals noch unterhalb des Oberklosters vor den Mauern der Stadt in den Rhein floss, führte der neue Arm von Selikum gerade auf die Stad zu, um den durch das Flüsschen Krur nicht mehr ausreichend gespeisten Stadtgraben mit Wasser zu versorgen und so den Betrieb der vielen daran gelegenen Wassermühlen zu gewährleisten. Daher ist bis heute die Bezeichnung "Erftmühlengraben" gebräuchlich.

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Bei der Abzweigung dieses künstlichen neuen Wasserlaufs von der Haupterft an einer geeigneten Stelle musste man allerdings feststellen, dass der Erftfluss ein bedeutend stärkeres Gefälle aufwies als die neue Obererft. Um dennoch genügend Wassermassen mit ausreichendem Wasserdruck von der Haupterft in die neue Obererft leiten zu können, war im Selikumer Busch der Bau eines Stauwehrs als Wasserbremse, genannte "Ark", erforderlich. Es entstand damals die Anlage, welche noch heute am Ursprungsort in seinen Grundzügen zu besichtigen ist.

Um auch genügend Wasser für den Betrieb der Gnadentaler Mühle und die inzwischen schon lange verschwundene Epgensmühle übrig zu behalten — beide wurden durch die Haupterft betrieben und befanden sich im Besitz des Quirinusstiftes — gab es eine vertragliche Regelung zwischen dem Stift und der Stadt Neuss über die Bauhöhe dieses Stauwehrs. Nach Beendigung von Reparatur- oder Erneuerungsarbeiten wurde die Höhe des Wasserstaus stets durch die jeweilige Äbtissin genau nachgemessen und auf Vertragsgemäßheit überprüft. In Erinnerung gehalten hat sich bis heute das 1573 anlässlich einer solchen offiziellen Abnahme einer Reparatur an der Ark von den frommen Stiftsdamen und dem versammelten Stadtrat bei einem Glas Wein fröhlich gefeierte Richtfest. Die Äbtissin Margarethe von Loe wagte mit dem Bürgermeister Johann Knaide ein Tänzchen. Die anwesenden frommen Stiftsdamen und der versammelte Stadtrat schlossen sich an. Der Begriff "Nonnentänzchen" prägte sich für dieses Ereignis ein. Eine Abbildung auf einem der stadtgeschichtlichen Reliefs am Brunnen vor dem Neusser Rathaus ist dem Nonnentänzchen gewidmet.

Mit einem kleinen Wasserabzweig noch vor dem Stauwehr, welcher heute fast trocken gefallen und nur noch schwer zu erkennen ist, wurde auch die nicht mehr vorhandene Selikumer Mühle, unweit des Kinderbauernhofs, betrieben, wie dies auf mehreren historischen Karten dargestellt ist.

Napoleons Kanalbauingenieure benötigten Anfang des 19. Jahrhunderts die mittelalterliche Ark als Wasserbremse für die Sicherstellung von genügend Wassermassen aus der Obererft zusätzlich für den Betrieb der vielen geplanten Schleusenanlagen im Nordkanal. Diese waren zur Ermöglichung eines gefällelosen Wasserspiegels auf der langen Kanalstrecke von 43 Kilometer für die Überwindung des großen Höhenunterschieds zwischen dem Wasserspiegel des Rheins und dem der Maas, immerhin 21 Meter, erforderlich sowie zur Entlastung der Zugtiere für den damals noch üblichen Treidelverkehr. Die Dampfschifffahrt war noch nicht erfunden. Damals wurde die Ark durch Napoleons Kanalbauingenieure gründlich erneuert und befestigt und erhielt darauf den auch heute noch gebräuchlichen Namen "Napoleonswehr".

Das Empellement

Im Zusammenhang mit dem Bau des Nordkanals durch die Franzosen entstand ab 1808 ein weiteres Wasser-Lenkungsbauwerk, das Empellement im Selikumer Busch. Geplant wurde die Anlage als Wasserteil- und Dosierbauwerk mit zwei mal drei, mittels Zahnstangen-Kurbelanlagen ausgestatteten Wasserbremsen, technisch als "Schützen" bezeichnet, um die ankommenden Wassermassen aus der Obererft zu regeln. Diese sollten zum einen weiter zur Beschickung der Neusser Stadtmühlen in das Obererftbett gelenkt werden, und zum anderen, als Ersatz für einen inzwischen trocken gefallenen Wasserzulauf, in einen sogenannten Erftumlaufgraben, vorbei am Königshof, dem heutigen Kinderbauernhof, und dort zum Betrieb der oben bereits erwähnten, inzwischen verschwundenen Selikumer Mühle.

Das Epanchoir

Als Wasserdosieranlage zur Regelung der an der Kreuzung des Nordkanals mit der Obererft erforderlichen Wassermengen einmal für den oben erwähnten Schleusenbetrieb des Nordkanals sowie der Neusser Wassermühlen war das Epanchoir an der Nordkanalalle vorgesehen. Geplant wurde das Bauwerk durch den französischen "inspecteur divisionaire" Aimable Haugeau.

Unter Beteiligung des Rates der Stadt wurde es am 3. August 1809 als bedeutendes Wasserbauwerk feierlich eingeweiht und ist heute noch in seiner Ursprungsanlage erhalten.

Nach der Vereinigung mit Holland übernahm Frankreich die Kontrolle der niederländischen Seehäfen, und der Nordkanal wurde nicht mehr gebraucht. Der Bau wurde zum 1. Januar 1811 eingestellt. Zurück blieb ein unfertiges Kanalbett. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veranlasste der Rat der Stadt Neuss eine Umlenkung des Nordkanals an der Selikumer Straße und eine teilweise Verschüttung des bereits fertigen Kanalbetts. Deshalb ist die geplante Funktion des Epanchoir mit seien zwei, wie am Empellement mit Handkurbeln regulierbaren "Schützen" derzeit nur noch schwer erkennbar.

Nach einem aktuellen Beschluss des Neusser Stadtrats soll sie in den nächsten Jahren jedoch durch bauliche Maßnahmen am Epanchoir wieder sichtbar gemacht werden.

Der Wasserfall

Eine weitere Wasserdosieranlage ist in der Zeit der frühen Industrialisierung, vermutlich Mitte des 19. Jahrhunderts, an der Augustinusstraße im Zusammenhang mit dem Neusser Wasserfall entstanden und noch heute zu besichtigen. Hier ließ sich mit Hilfe eines an einem Stahlgerüst in der Höhe regulierbar aufgehängten, schweren Betonklotzes das Wasser aus dem Zitadellgraben schon vor dem eigentlichen Wasserfall nach Bedarf dosiert bremsen.

Es konnte auf diese Art für den Betrieb der großen Wasserräder der ehemals vielen, vor dem Obertor entstandenen Produktionsbetriebe geregelt in kleine "Nebengräbchen" abgezweigt werden. Ein solches diente sogar bis in die jüngere Zeit noch einer werkseigenen Stromerzeugung.

Die große Bedeutung dieser Wasserdosieranlage für die Entwicklung der Neusser Produktionsstätten vor dem Obertor bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist heute nur noch schwer zu erkennen. Denn die einstmals vorhandenen Wasserabzweigungen und Nebengräbchen wurde allesamt nach 1945 nach und nach zugeschüttet, zuletzt für den Bau des Clemens-Sels-Museums in den 1970er Jahren.

Daher macht es heute einige Mühe, die Funktion des vor dem Wasserfall errichteten Stahlgerüstes mit dem Regulier-Betonklotz nachzuvollziehen und für den technischen Laien zu erklären.

(NGZ)