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Neuss: Die "Tanke" feiert ein Roman-Debüt

Neuss : Die "Tanke" feiert ein Roman-Debüt

Die denkmalgeschützte Tankstelle an der Volmerswerther Straße illustriert den Umschlag eines Romans von Robert Seethaler.

Das Glück am Rande der Landstraße hat eine Adresse: Volmerswerther Straße 71. Die hat Robert Seethaler zwar nirgendwo in seinem Buch "Die weiteren Aussichten" aufgeschrieben, aber zumindest Neusser werden sofort wissen, wenn sie den jetzt als Taschenbuch vorliegenden Roman in die Hand nehmen, dass das da auf dem Umschlag nur die älteste "Tanke" von Grimlinghausen sein kann. Und sie haben Recht.

"Für das Cover wurde nach einem besonders schönen und passenden Exemplar gesucht", erklärt Linda Binder vom Züricher Verlag "Kein & Aber", warum die Wahl nach langer Suche auf die Tankstelle an der Ortsdurchfahrt gefallen ist. Denn eine Tankstelle ist Epizentrum des Romans und Ort der Handlung. Die allerdings hat Seethaler nicht an einer viel befahrenen Ortsdurchfahrt verortete, sondern "inmitten der Provinzleere".

Für Grimlinghausens Tankstelle könnte das zumindest für die Anfangsjahre gegolten haben. 1948 wurde sie gebaut. Die Pläne dazu stammten vom Reißbrett des Architekten Philip Schmitz, als Bauherr trat die Deutsch-amerikanischen Petroleum-Gesellschaft (DAPG) auf, die 1950 dann in eine noch heute bekannte Marke umfirmierte: Esso. Als Titelbild liefert sie der Phantasie des Lesers nun ein Bild von dem Ort, an dem Seethalers Romanheld Herbert Szevko mit seiner resoluten Mutter und Zierfisch Georg zusammenlebt und arbeitet und an dem ihm eines heißen Tages die lebenslustige Hilde begegnet. Die putzt im dörflichen Hallenbad, lächelt sich ins Herz des Tankwarts - und bringt nicht nur sein Leben tüchtig durcheinander. Und all das liest (und genießt) man mit der Tanke aus Grimlinghausen vor Augen. Kopfkino, made in Neuss.

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Unter künstlerischen Gesichtspunkten ging es schon einmal um diese Tankstelle. Das war vor etwas mehr zehn Jahren, als sich Studenten der Düsseldorfer "Peter-Behrens-School of Architecture" daran machten, neue Pläne für das Tankstellengrundstück an der Ecke zur Bonner Straße zu entwickeln. Theo Stöpp, der damalige Besitzer hätte dort gerne ein Hotel gesehen, doch die Tankstelle blieb und ist bis heute, was sie immer war: ein Treffpunkt für Automobilisten. Heute bieten die neuen Besitzer an diesem vielbeachteten Ort wieder Neu- und Gebrauchtwagen an, nachdem die Tankstelle von einst lange "nur" Werkstatt gewesen war.

Als die Studenten der Düsseldorfer Fachhochschule ihren Ortstermin hatten, waren sie begeistert. Die Tankstelle war in Gestalt, Material und Konstruktion vollkommen erhalten. Das war auch der eine Grund, warum die Stadt im Jahr 2000, als der Benzinverkauf an der damals zur DEA gehörenden Tankstelle endgültig eingestellt wurde, das Anwesen unter Denkmalschutz stellten. Sie repräsentierte noch immer einen frühen Tankstellentyp der Nachkriegszeit und dokumentierte, wie Franz-Heinrich Treese von der unteren Denkmalbehörde damals in seiner Bewertung betonte, "die fortschrittliche Entwicklung auf dem Gebiet der Verkehrs und der Autoindustrie in der unmittelbaren Nachkriegszeit".

Was Treese nur andeutet, kann an der Tankstelle bis heute nachvollzogen werden: Das Tankwärterhäuschen mit seinem Aufenthaltsraum, der elliptische Grundriss auf einer kleinen "Tankinsel"oder das werbewirksame, horizontale Dach. Dieser gut erhaltene Vertreter der Kiosk-Type, der kleinsten Tankstelleneinheit seiner Zeit, erlebt also - gecastet für ein Cover - neue beachtung. Der Agentur sei Dank, denn der Autor selbst hat die Tankstelle nie betreten.

(-nau)