Neuss: Die Stille des Schusses

Neuss: Die Stille des Schusses

Ausgerechnet beim Sportschießen finden die Mitglieder des Schießclubs Neuss-Nordstadt die Ruhe, die heutzutage oft im Alltag fehlt. Mit Luftgewehren trainieren sie in einem Keller beim Nordbad für die Wettbewerbe der Region.

Das Licht strahlt grell von den weiß gestrichenen Wänden zurück, es riecht ein wenig nach Keller im ausgebauten Untergeschoss des Ringerleistungszentrums gleich neben dem Nordbad, als ein Knall die Stille durchbricht. Ein Mann mit akkuratem, grauen Haarschnitt und kleinem Bauch steht mit ausgestrecktem Arm hinter einer Absperrung, in der Hand eine Pistole. Noch ein Schuss. Dann drückt er den Knopf auf dem Kasten vor ihm: Mit einem Surren zieht der Seilzug die Zielscheibe zu ihm heran. Heiko Kock schaut sie kurz an, nickt zufrieden und geht rüber in den Raum nebenan.

Dort sitzen die anderen Mitglieder des Schießclubs Neuss-Nordstadt rund um einen rustikalen Holztisch. Seit 1973 gibt es den Verein in Neuss, in den ersten Jahren schoss man noch im Hinterzimmer der Gaststätte Lebioda auf der Neusser Furth. Seit 1981 sitzen die Herren und Damen des Clubs jeden Dienstag- und jeden Freitagabend in den Kellerräumen neben dem Nordbad zusammen. Das Schießen ist dort ein Sport, Kreismeisterschaften werden genauso mitgemacht wie die eigene Clubmeisterschaft. Im schummrigen Licht sortieren sie auf dem Holztisch gleich neben der Bar ihre Zielscheiben und diskutieren das Weltgeschehen. Wer will, stellt sich mit seinem Luftgewehr ruhig an einen der fünf Schießstände im hellen Nebenraum.

Denn beim Sportschießen geht es vor allem um eines: Konzentration. "Wenn man da eine Dreiviertelstunde am Schießstand steht und versucht, alles andere aus dem Kopf rauszukriegen, dann findet man eine Ruhe, die man heute selten hat", sagt Mitglied Klaus Hellendahl (58). Auch Regina Beylschmidt, eine der wenigen aktiven Frauen im Verein, liebt den Sport genau deshalb. Ihr Mann Jörg, der erster Vorsitzender des Clubs ist, findet vor allem die Wettkämpfe spannend. Doch seit der Vereinsgründung durch seinen Vater 1973 hat sich der Sport verändert. "Nach den Wettbewerben wurde früher lange gequatscht, heute schießt man, schaut nach dem Ergebnis und ist weg", sagt er. "Das liegt daran, dass zu viel drumherum los ist", sagt seine Frau. "Der Alltag läuft immer mit. Und der ist stressiger geworden."

Das ist auch ein Grund, warum der Club - wie viele andere Vereine auch - kaum noch Nachwuchs findet. "Jugendliche sind heute viel länger in der Schule und haben nicht mehr so viel Zeit für Hobbys und Sport", sagt der Vorsitzende. Zudem sei Schießen in Verruf geraten, zum Beispiel durch Amokläufer.

Marc Lüstraeten ist mit seinen 17 Jahren trotzdem dabei. Vor einigen Jahren nahm ein Freund ihn mit zum Training - inzwischen hat der Freund aufgehört, Marc aber macht weiter. "Man kann hier runterkommen vom Stress der Woche", sagt er. Und so will er auch in den kommenden Wochen, wenn die Lernphase fürs Abi ansteht, weiter zum Training kommen.

(mre)