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Neuss: Die Politik mit scharfem Verstand verspotten

Neuss : Die Politik mit scharfem Verstand verspotten

Er ist ein Meister im Schnellsprechen und ein Wortkettenkünstler von besonderem Format. Was einen Abend mit Wilfried Schmickler aber so außergewöhnlich macht sind nicht seine beachtlichen Fähigkeiten im Hochgeschwindigkeitssprechen, seine eindrucksvollen Lieder und Gedichte und die Natürlichkeit, mit der er im lässigen Outfit auf der Bühne steht und spricht. Was ihn von den meisten seiner Kollegen so erfrischend unterscheidet, das ist sein radikaler Blick auf die Politik. Etwa auf "Geistesgigant Sarrazin", Wulff, "so glaubwürdig wie ein Rubbellosverkäufer", Thomas de Maizière, "mit dem Charisma eines Frotteewaschlappens", ja überhaupt auf Politiker, "die den Eindruck machen als kämen sie direkt aus dem Regal für Einwegflaschen". Dabei sind die Genannten nicht nur Ziel des Spotts, sondern Anlass dazu, genau hinzuschauen auf Prinzipien des gesellschaftlichen Miteinanders.

Bei seinem Gastspiel im ausverkauften Schauspielhaus waren ihm denn auch Ökoautos und Rauchverbot, Gesundheitswahn und der "Niveaulimbo unter Jugendlichen" nur Anlass zum Röntgenblick auf die Denkweise des "Immer so weiter". Kein Spaßmacher, der um des schnellen Beifalls willen Merkel parodiert oder über Pofalla lästert, sondern ein radikaler Abrechner, der mit Sarkasmus, Bitterkeit und Ironie seinem Publikum die Zwischenrechnung präsentiert für ein Denken, das auf Wachstum und Gier setzt und sehenden Auges alle Katastrophen zur Normalität erklärt. Schmickler ist ein Mahner wie Hildebrandt, hat ein gutes Gedächtnis wie Pispers und gehört damit zur ersten Garde der politischen, unbequemen, kompromisslosen Kabarettisten. Gleichwohl setzt er eigene Akzente und was für Hildebrandt die gekonnten Auslassungen, für Pispers die oft überraschenden Details, das sind für Schmickler die radikalen kleinen Songs und Gedichte, in denen er der Gier, der Krise und dem Wachstumsdenken auf den Grund geht.

(NGZ)