Neuss: Die Morde von Neuss

Neuss : Die Morde von Neuss

Fünf Morde in einem Jahr, doch vor allem der an einer 86-Jährigen stellt die Polizei vor ein Rätsel. Bleibt er einer der ungelösten Fälle?

Als die Mordkommission (MK) "Gebüsch" gegründet wurde, war ihr Leiter Markus Dreisewerd nicht davon überzeugt, den Täter zu finden. "Das war so nicht zu erwarten", sagt der Kriminaloberkommissar. Letztlich haben er und sein Team doch eines der spektakulärsten Tötungsdelikte der vergangenen Jahre aufgeklärt: Anfang des Jahres, acht Monate nach dem Fund der Leiche von Berthold Franzmann an der A 46 bei Uedesheim, wurde Autoverkäufer Mustafa B. schuldig gesprochen worden. Urteil: zwölf Jahre Haft.

Der Schuldspruch in diesem Fall war Auftakt zu einem ungewöhnlichen Jahr mit bislang fünf Morden. Und jeder nahm aus Sicht der Fahnder ein anderes Ende. Fallah S., der im August seine Frau und seine beiden Kinder in der gemeinsamen Wohnung auf der Furth umbrachte, floh in den Irak. In Haft ist dagegen der 52-jährige Marokkaner, der im September eine Sachbearbeiterin im Jobcenter tötete. Völlig offen wiederum sind die Ermittlungen im Fall der 86-Jährigen, die im Oktober in ihrem Haus in Reuschenberg umgebracht wurde. Bleibt dieser Fall einer der ungeklärten?

"Es ist immer sehr schwer, wenn zwischen Opfer und Täter keine Beziehung besteht", sagt Oberkommissar Rudolf Niederschelp (61) und nennt als Beispiel den Tod von zwei Frauen, die in Meerbusch (1992) und Weckhoven (1993) in einem Maisfeld vergewaltigt und erstochen worden waren. Er musste diese Fälle als Leiter der Mordkommission "Maisfeld" aufklären, konnte bis heute aber keinen Täter ermitteln. Nach gegenwärtigem Ermittlungsstand geht die Polizei davon aus, dass auch die 86-Jährige, deren Schicksal die Polizei aktuell beschäftigt, ihren Täter nicht kannte.

Der fehlende Kontakt erschwerte auch die Suche nach dem Täter, der 2007 als "Brummi-Mörder" zu lebenslanger Haft verurteilt werden konnte. Er hatte als Fernfahrer zwischen 2003 und 2006 drei Frauen umgebracht und eine davon in Horrem abgelegt. Mit solchen Fällen wenden sich die Ermittler nicht selten an das Fernsehen, in der Regel an "Aktenzeichen XY ungelöst". Im Fall der 66-jährigen Rentnerin, die 2005 bei einem Spaziergang am Norfbach erschlagen wurde, blieb das allerdings ohne Erfolg.

Auch der Fall, den die MK "Gebüsch" zu klären hatte, stellte die Fahnder vor eine schwierige Aufgabe. "Die Tat war schon Monate her", nennt Dreisewerd den Hauptgrund. "Es gibt dann weniger Zeugen, und auch die Spurenlage am Tat- oder Fundort ist nicht mehr so gut." So bescherte der Fall des "A 46-Toten" dem Mordermittler eine Vielzahl an Überstunden. Fünf 18-Stunden-Tage in Folge machte er Dienst, Kollegen verschoben ihren Urlaub. "Das ist am Anfang oft so", sagt der 40-Jährige. Denn die ersten 20 Stunden seien in der Regel die wichtigsten. Der Druck sei hoch, alles Mögliche müsse eingeleitet, Zeugen müssten gefunden und vernommen, Spuren gesichert werden.

Dreisewerd kennt aber auch die Phasen, in denen es nicht vorangeht, das Ermittlerteam Rückschläge hinnehmen muss oder den Täter sogar identifiziert hat aber nicht überführen kann. Trotz der schlechten Ausgangslage gab es aber für die MK "Gebüsch" einen Erfolg. "Wenn man den nach Wochen melden kann, ist das für das Team super."

(NGZ/rl/jco)
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