Neuss: Die Lockerbie-Bombe - Terror aus Neuss?

Neuss : Die Lockerbie-Bombe - Terror aus Neuss?

Vor 25 Jahren riss eine Bombe an Bord einer Boeing 747 über Schottland 270 Menschen in den Tod. Die Hintergründe des Attentats liegen noch immer im Dunkeln. Eine Spur führt zu Terroristen aus Neuss.

Es ist der 21. Dezember 1988, 19.03 Uhr, 38 Minuten nach dem Start von PanAm-Flug 103 vom Flughafen London-Heathrow nach New York. Pilot Jim MacQuarrie bittet beim "Oceanic Controll Center" im schottischen Prestwick um die Freigabe für die Atlantiküberquerung. Plötzlich bricht der Funkkontakt ab, auf dem Radarschirm im Kontrollzentrum zersplittert das Echo-Bild der Boeing 747 in fünf Teile, die nacheinander verschwinden. Im Frachtraum des Jumbos "Maid of the Sea" ist eine Bombe explodiert, die das Flugzeug noch in der Luft zerfetzt.

Die Wrackteile der Maschine stürzen auf die Gemeinde Lockerbie. 270 Menschen sterben, 259 Insassen und elf Bewohner der Kleinstadt im Süden Schottlands. Die Welt ist geschockt von der bis dato schlimmsten Luftfahrt-Katastrophe und dem verheerendsten Terroranschlag in Großbritannien. 190 Opfer stammen aus den USA, viele von ihnen Studenten, die zu Hause bei ihren Familien Weihnachten feiern wollen. Auch drei Deutsche sind unter den Toten.

Erst 2001 steht der mutmaßliche Attentäter vor Gericht: Der Libyer Abdel Baset Ali al-Megrahi wird in einem Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. 2012 stirbt er an Krebs. Die Diskussion über Auftraggeber, Drahtzieher, Täter und Motive jedoch reißt damit nicht ab. Bis heute, 25 Jahre nach der Tragödie in Schottland, bleiben deren Hintergründe in weiten Teilen im Dunkeln. Eine zentrale Rolle dabei spielt die von Polizei, Geheimdiensten, Justiz und Verschwörungstheoretikern gleichermaßen heiß diskutierte "Spur nach Neuss".

Rückblende: 26. Oktober 1988, gut zwei Monate vor der Explosion der Bombe an Bord des PanAm-Fluges 103. Im Rahmen von Ermittlungen gegen Palästinenser durchsuchen Staatsanwälte und das Bundeskriminalamt mit einem Großaufgebot an Polizisten 18 Wohnungen und Geschäfte in Neuss sowie in Hamburg, Berlin und Frankreich. Bei der Operation unter dem Decknamen "Herbstlaub" werden insgesamt 13 Menschen festgenommen, vier davon in Neuss.

Die Polizei stellt Schriftstücke, Sprengstoff, Zündvorrichtungen und Waffen sicher. Wenige Tage später berichtet ein Sprecher der Bundesanwaltschaft in unserer Zeitung über die Ermittlungsergebnisse: Danach ist Neuss in dieser Zeit neben Frankfurt eines der beiden Zentren einer radikalen Splittergruppe der Volksfront zur Befreiung Palästinas ("Popular Front for the Liberation of Palestine", kurz PFLP), die Terroranschläge vorbereitet.

In einer Wohnung und einem Geschäft, darunter ein Haus am Neumarkt, entdecken zwei Staatsanwälte und BKA-Beamte elektronische Bausteine, die eindeutig auf die Planung von Sprengstoffanschlägen schließen lassen. Die in Neuss festgenommen Männer sollen zu einer Terrorgruppe namens "PFLP/GC" gehören. "GC" steht, so die Vermutung damals, für "General Commander". Nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft handelt es sich um eine "radikale, offensichtlich absolut zur Gewalt entschlossene Splittergruppe".

Unter den beschlagnahmten Gegenständen sollen auch Gepäckaufkleber und Flugpläne verschiedener Airlines sein. Der Hauptfund jedoch ist eine voll funktionsfähige Bombe, versteckt in einem Toshiba-Radiorekorder des Typs RT-SF 16 "BomBeat", ausgestattet nicht nur mit einem Zeit-, sondern auch mit einem barometrischen Druck-Zünder - ein Sprengsatz, entwickelt, um im drucklosen Laderaum eines Flugzeugs zu detonieren. Die Polizei findet ihn im Wagen des Anführers der Gruppe, des Syrers Hafez Kassem Dalkamoni, der in Neuss festgenommen wird. Eine Bombe bestehend aus 300 bis 450 Gramm des Plastiksprengstoffs Semtex in einem Radiorekorder der gleichen Marke wird wenige Monate später den Rumpf von PanAm-Flug 103 in Stücke reißen.

Der Sprengsatz an Bord der Boeing 747 soll in einem Koffer versteckt gewesen sein, der mit einem Zubringerflug aus Malta über Frankfurt in Richtung New York aufgegeben wird. Später stellt sich heraus: Der Syrer Dalkamoni ist im Herbst 1988 mehrfach nach Malta gereist.

Im Nachhinein wird über ein Versagen von Polizei und Geheimdiensten spekuliert. Der Grund: Bei der Aktion "Herbstlaub" wird zunächst nur eine Radio-Bombe gefunden, weitere werden schlicht übersehen. Anfang 1989 jedoch erfahren Sicherheitskräfte über Mittelsmänner vom Bombenbastler der PFLP-GC, Marwan Khreesat, dass er in Deutschland insgesamt offenbar fünf Sprengsätze konstruiert hat. Drei davon - zwei in Radiorekordern und einer in einem Computer-Monitor der Marke "Sanyo" versteckt - werden Stück für Stück erst entdeckt, nachdem die Polizei ein und dieselbe Terroristenwohnung in Neuss von Ende Januar bis Mitte April 1989 insgesamt vier Mal durchsucht hat. Ein anonymer Anrufer weist mehrfach darauf hin, dass in Neuss immer noch Bomben vorhanden seien. "Der Spiegel" schreibt vom "Gipfel der Schlamperei".

Der Besitzer der verdächtigen Wohnung in Neuss, ein Gemüsehändler, hatte seinem Schwager Dalkamoni ein Zimmer abgetreten und die Bombe, so später die Generalbundesanwaltschaft, "gutgläubig" in einem Karton aufbewahrt, nicht wissend, was wirklich darin lagert. Beim Versuch, eine der in Neuss entdeckten Radio-Bomben im Keller des Bundeskriminalamtes zu entschärfen, werden am 17. April 1989 in Wiesbaden ein 35 Jahre alter BKA-Beamter getötet und sein Kollege lebensgefährlich verletzt. Zuvor hatten Kriminalbeamte die Sprengsätze offenbar ohne Sicherheitsvorkehrung im Auto über holprige Landstraßen in eine Dienststelle nach Meckenheim transportiert und dort ungesichert stehen lassen.

Eine der insgesamt fünf Bomben, von denen Marwan Khreesat gesprochen hat, bleibt jedoch verschwunden. Vieles spricht dafür, dass sie vor 25 Jahren in Lockerbie 270 Menschen in den Tod gerissen hat. Auch die Londoner Tageszeitung "The Independet" beschäftigt sich mit dem Fall. Überschrift: "Lockerbie - der deutsche Skandal". In den Tagen nach der Explosion der Boeing 747 über Lockerbie werden das Generalkommando der PFLP und auch der Iran zunächst immer wieder als möglicher Drahtzieher des Attentats genannt. Polizei, Geheimdienste, Politik - die Hinweise in den ersten Tagen und Wochen nach dem Attentat scheinen für alle eindeutig. Hintergrund für eine iranische Beteiligung könnte, so die Vermutung, ein Racheakt sein. Ein halbes Jahr zuvor, am 3. Juli 1988, hatte der Kommandant der USS Vincennes, eines amerikanischen Kriegsschiffs, im Persischen Golf, ein iranisches Linienflugzeug auf dem Weg von Teheran nach Dubai abschießen lassen. Alle 290 Menschen an Bord des Airbus A300, Iran-Air-Flug 655, kommen dabei ums Leben.

Die verantwortlichen Offiziere des Kriegsschiffs, das zum Zeitpunkt des Abschuss in ein Gefecht mit iranischen Kanonenbooten verwickelt ist, rechtfertigen sich damit, dass ihre Systeme kein Zivil-, sondern eine Kampfflugzeug, eine Jagdmaschine vom Typ F-14 Tomcat, wie sie damals von der iranischen Luftwaffe eingesetzt wird, im Anflug auf ihr Schiff angezeigt hätten. Nachdem eine Kontaktaufnahme gescheitert sei, habe der Kommandant den Abschuss befohlen. Als Reaktion schwören die Machthaber im Iran den Amerikanern blutige Rache. - Im Mai 2012 stirbt Abdel Baset Ali al-Megrahi im Alter von 59 Jahren. 2009 war der Libyer, der als Alleinverantwortlicher für den Anschlag auf den PanAm-Flug 103 über Lockerbie verurteilt wurde, aus der Haft entlassen worden - ob aus humanitären Gründen oder weil Libyen britischen Unternehmen mit Sanktionen gedroht hat, bleibt offen.

Für die USA und Großbritannien besteht offiziell kein Zweifel an der Schuld des Libyers: Im Auftrag oder zumindest mit Wissen des libyschen Geheimdienstes soll er die Bombe von Malta über Frankfurt an Bord an PanAm-Maschine geschmuggelt haben. Verlässliche Informationen über den genauen Ablauf des Attentats jedoch fehlen bis heute.

Erst zwölf Jahre nach dem Anschlag, im Jahr 2001, stehen zunächst zwei Libyer als Hauptschuldige vor Gericht: Lamin Khalifah, der später freigesprochen wird, und Abdel Baset Ali al-Megrahi. Sein Urteil am 31. Januar 2001: lebenslange Haft. Al-Megrahi beteuert bis zu seinem Tod seine Unschuld. Das Gericht verurteilt ihn aufgrund von Indizien. Kurz nach seinem Tod kündigt die englische Tageszeitung "Daily Mail" die Veröffentlichung eines spektakuläres Buch eines seiner Anwälte an. Die These des Juristen: Abdel Baset Ali al-Megrahi war unschuldig. Die Volksfront zu Befreiung Palästinas und der Iran werden in der Folge erneut als mögliche Drahtzieher des Attentats genannt - und die "Spur nach Neuss" bekommt neues Gewicht.

Über die Gründe, warum Al-Megrahi aufgrund teilweise wenig verlässlich erscheinender Zeugenaussagen als Alleintäter verurteilt wurde, wird vielfach spekuliert. Ein Ansatz: Der Westen könnte damals kein Interesse daran gehabt haben, den Iran und die Palästinenser weiter unter Druck zu setzen, unter anderem um das Leben seinerzeit im Libanon festgehaltener Geiseln nicht zu gefährden.

Später wird der jähe Schwenk der Ermittlungen von der Iran/PFPL-CG-Spur hin zur Einzeltäterschaft der Libyer auch mit der veränderten politischen "Großwetterlage" in Verbindung gebracht. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" bezieht sich dabei 2000 auch auf einen angeblich hochrangigen iranischen Geheimdienst-Koordinator. Mit dem Einmarsch des irakischen Diktators Saddam Husseins in Kuweit im August 1990 wird plötzlich der Irak statt wie bislang der Iran der Hauptfeind des Westens im Nahen und Mittleren Osten. Syrien unterstützt die Anti-Irak-Koalition. Da, so der Verdacht auch der Organisation der Angehörigen der Lockerbie-Opfer, sind Ermittlungen gegen möglicherweise von Syrien unterstützte Terroristen und den Iran plötzlich eher hinderlich.

Libyen gibt eine Beteiligung an den Anschlägen nie zu. Dennoch zahlt das Land ab 2002 im Rahmen von Verhandlungen über ein Ende der Sanktionen gegen Libyen 2,46 Milliarden Dollar Entschädigung an die Hinterbliebenen der Opfer.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das Bomben-Attentat von Lockerbie und die Spur nach Neuss

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