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Die Kultur in Neuss ist weiblich

Analyse zur Situation der Kultur : Die Kultur in Neuss ist weiblich

Analyse Frauen sind auf dem Vormarsch. Selbst in Neuss. Vor allem im Kulturbereich sind es die Frauen, die die Richtung der Institutionen bestimmen. Das macht zuversichtlich, aber die Probleme in der Neusser Kultur werden dadurch nicht weniger.

Spätestens im Herbst, wenn die neue Intendantin Caroline Stolz am RLT ihren Job aufnimmt, ist es wieder Fakt: Die Kultur in Neuss wird von Frauen gemacht. Es wäre ein Leichtes, das als folgerichtig abzutun, als „nur“ einen Bereich, in dem Frauen sich gern engagieren, und den sie vor allem vielfach nutzen. Mag ja sein, dass unter den Zuschauern der weibliche Anteil über dem des männlichen liegt. Mag auch sein, dass Frauen eher für die Gestaltung der Freizeit mit und in der Familie zuständig sind. Und es mag sein, dass Frauen mehr mit Kunst, Theater oder Musik anfangen können als Männer.

Selten aber zeigt sich das auch in der Besetzung von Führungspositionen. Da liegen Frauen überall, auch in der Kultur, hinten. Nur in Neuss nicht. Vier Institutionen werden allein von Frauen geleitet, drei von Männern, und eine hat gleichberechtigt einen Mann und eine Frau an der Spitze. Und weil auch in der Verwaltung das Kulturdezernat von einer Frau geführt wird, scheint doch alles in Ordnung zu sein. Oder?

Nein, ist es nicht. Denn spätestens 2021 steht eine Neubesetzung des Kulturdezernats oder auch die Wiederwahl der bisherigen Beigeordneten Christiane Zangs an, und schon jetzt muss das Thema die Politik beschäftigen, damit der Zug nicht an ihr vorbeirast. Das gilt auch für die Neubesetzung der Spitze des Kulturamts. Harald Müllers Verlängerung bis 2021 hatte vor allem den Grund, dass er dann zusammen mit dem jetzigen Kulturreferenten Rainer Wiertz in Rente geht. Was der Verwaltung mit dem Bürgermeister an der Spitze die Chance bietet, aus zwei Posten einen zu machen. Vielleicht muss es nicht gerade wieder ein Kulturreferent sein, der neben dem Kulturamtsleiter positioniert wird, aber es braucht auf jeden Fall zwei engagierte Kulturmacher, die auch zusammenarbeiten können. Es wäre doch eine feine Sache, wenn die Politik sich mal frühzeitig und vor allem aktiv um Stellensicherung und -besetzung kümmert. Qualifizierte Bewerber wollen schließlich gesucht sein...

Kultur ist längst mehr als ein weicher Standortfaktor, dem Image  entwachsen, immer dann wichtig zu sein, wenn (angeblich) die Unternehmersgattin den neuen Wohnort der Familie bestimmen darf. Kultur ist eine harte Währung, ein wirklicher Wirtschaftsfaktor, bringt Geld in die städtische Kasse und sorgt dafür, dass Neuss mehr als nur als Schlafstadt für die großen Städte rings um sie herum wahrgenommen wird.

Das hat auch den Verein „neuss agenda“, der sich der Stadtentwicklung verschrieben hat, umgetrieben und vor einigen Wochen zu einer Diskussion unter dem Titel „„Welchen Wert hat die Kultur für Neuss?“ veranlasst, an dem erfreulich viele Neusser teilnahmen. Sie hörten dann auch, was Zangs ihnen vorrechnete: „Die Kulturschaffenden machen aus einem Euro drei.“ Es ist kaum übertrieben, dabei von einer Art Selbstausbeutung auszugehen, denn Künstler oder sonstige in der Kultur Tätige lieben, was sie tun. Und wer sein Tun liebt, tut viel mehr als Tarif oder sonstiger Vertrag vorschreiben. Das gilt im Übrigen auch für Männer.

So wird die Neusser Kultur auch in den nächsten Jahren von der Besetzung abhängen. Es muss bei einem (selbständigen) Dezernat für Kultur bleiben, die Kombination mit Schule hat sich dabei als ideal erwiesen (siehe „Kulturrucksack“-Projekte oder die Reihe „Kultur und Schule“). Niemand, auch ein Bürgermeister nicht, kann die Kultur dieser Stadt nebenbei machen. Dafür ist sie viel zu wichtig – geworden.

Denn es geht schon lange nicht mehr darum, möglichst schöne Veranstaltungen  für möglichst viele Menschen zu organisieren. Kultur ist zum Hebel geworden, um die Probleme der Gesellschaft zu lösen. Und soll dabei noch möglichst wenig kosten. Was in Neuss auf jeden Fall stimmt, denn der Anteil des Kulturetats  beträgt trotz der mannigfachen Erwartung und der hohen Aufgabendichte beschämende knappe drei Prozent am Gesamthaushalt. Ein „weiter so“ darf es in Neuss nicht geben!