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Neuss: Die gespaltene Innenstadt

Neuss : Die gespaltene Innenstadt

Es sind zwei Welten innerhalb der City: Der Markt und der Platz am Romaneum mit den Seitenstraßen boomen, der Bereich von Büchel bis Meererhof verödet. Dabei liegen die Orte nur einen Katzensprung voneinander entfernt.

Mitten im Hochbetrieb ist der Reis aus. Die Bedienung von "Kittichai" bietet als Ersatz etwas zerknirscht Nudeln an. "Wir haben schon doppelt so viel eingeplant wie wir Plätze haben", sagt die Geschäftsführerin Hirije Rexhaj.

Mit ihrem Mann Hajdar hat sie vor gut zwei Wochen das Restaurant am Markt (ehemals Woyton) eröffnet. Zwei Hausnummern weiter betreiben beide seit acht Jahren das Café Extrablatt. Sie kennen den Standort. Doch das Zentrum boomt derzeit so sehr, dass es schwerfällt, Schritt zu halten.

Auch Seitenstraßen profitieren

Der zentralste Platz von Neuss ist stets belebt. "Wenn man auf dem Markt kommt, denkt man jedes Mal: ,Mensch, was für ein Fest läuft denn hier gerade?'", sagt Rexhaj. Leerstände gibt es kaum, freie Plätze in den Cafés ebenfalls nicht. Ein Großteil des Booms resultiert aus der Fertigstellung des Romaneums Anfang des Jahres. Flanieren geht über die Hauptstraße, den Markt und den Platz am Romaneum — in einem Bogen. Davon profitieren auch kleine Seitenstraßen: "An der Münze" hat ein neuer Imbiss eröffnet, nur ein Lokal steht leer.

Doch der Büchel markiert eine Grenze. Die zwischen Ruhe und Trubel, zwischen dem Bereich, wo Geld gemacht wird und dem, wo sich die meisten damit arrangiert haben, dass sie zwar City, aber dennoch weit ab vom Schuss sind. In den Arkaden am Büchel hält nur noch ein Schuhreparatur- und Schlüsseldienst die Stellung. Am Meererhof und an der Rheinstraße sieht es ähnlich aus.

Dabei sind es zu Fuß nur zwei Minuten bis zum Markt. "Hier kommt niemand einfach vorbei. Selbst zum Schützenfest nicht, wenn die Stadt voll ist", sagt Jonny Weis, Inhaber der Gaststube Dr. John an der Rheinstraße. "Das hier ist zwar Innenstadt, aber 1B-Lage", sagt der Gastronom. Oberhalb, Am Meererhof, reiht sich ein leeres Ladenkokal ans andere.

Es ist ruhig, die Anwohner sind damit zwar ganz zufrieden, wie Immobilienmakler Sebastian Rosen berichtet, doch aus Sicht von Handel und Planern ist der Meererhof städtebauliches Sorgenkind. "Die Stadt kann wenig tun, das ist alles in privater Hand", sagt Planungsdezernent Christoph Hölters. Verbände wie der Paritätische Wohlfahrtsverband und der Sozialverband VdK haben dort ihre Büros — symptomatisch, dass es keine Geschäfte sind.

"Der Markt und der Platz am Romaneum haben sich sensationell entwickelt. Jetzt haben wir die Möglichkeit, dass die Innenstadt zusammenwächst", sagt Peter Rebig. Wenn der Chef des Neusser Marketings über die nördliche City spricht, benutzt er oft Worte wie "Hoffnung" und "Chance". Optimismus klingt anders. Das Problem zeigt sich auch am Rheinwallgraben.

Dort liegt der asiatische Supermarkt von Ponniah Gowreswaran und seiner Frau Indrany. Das Ehepaar, das vor 13 Jahren von Sri Lanka nach Neuss kam, spürt den Sog der zentralen City. "Es gibt kaum mehr Laufkundschaft", sagt die 51-Jährige. Neben ihrem Laden hat sich ein Graffiti-Sprayer verewigt: "Plan B" steht an der Hausfassade. Den hätte die nördliche City nötig.

(NGZ/rl)