Neuss: Die Fürstenrolle

Neuss : Die Fürstenrolle

Uedesheim/Düsseldorf Er hat gespielt, geschossen, gelacht, geprasst und manchmal sogar getanzt. Gesprochen hat Jürgen Kindel auf der Bühne nie. Erst die vorerst letzte Rolle für den 67-jährigen Uedesheimer ließ ihn zu Wort kommen - und gleich sprachlos werden.

Uedesheim/Düsseldorf Er hat gespielt, geschossen, gelacht, geprasst und manchmal sogar getanzt. Gesprochen hat Jürgen Kindel auf der Bühne nie. Erst die vorerst letzte Rolle für den 67-jährigen Uedesheimer ließ ihn zu Wort kommen - und gleich sprachlos werden.

Jan Wellem, der von ihm bei einer Programmvorstellung im Düsseldorfer Rathaus verkörperte Herzog Johann Wilhelm II. von der Pfalz, ein Frauenheld? Einer gar, der nächstens aus dem Schloss schlich um Bürgerfrauen zu beglücken? Diese Frage überraschte den gebürtigen Düsseldorfer denn doch, als im Interview am Ruf seines neuen alter ego gekratzt wurde. "Dass er so verrucht war, wusste ich nicht. Sonst hätte ich mir schon was zurecht gelegt."

Im kommenden Jahr feiert die benachbarte Landeshauptstadt den 350. Geburtstag dieses offenkundig zu Lebzeiten lebenslustigen Herzogs von Jülich-Berg, der am 19. April 1658 im Düsseldorfer Schloss und damit mitten in der Altstadt geboren wurde, mit einer Fülle von Veranstaltungen.

Ob der Uedesheimer in diesem Zusammenhang ein dauerhaftes Engagement als Landesvater zu erwarten hat, weiß Kindel nicht. Er könnte sich jedoch gut vorstellen, sich zu Werbezwecken mehr als einmal die lange Perücke überzustülpen und zur Kniebundhose die Schnallenschuhe zu tragen. Ihm gefällt diese Rolle, für die er erste Wahl war, weil er ein Profidarsteller im Ehrenamt ist. Mit 37 Jahren Bühnenerfahrung.

Erst am Freitag war Kindel die Rolle des Jan Wellem angetragen worden. Von der Deutschen Oper am Rhein, wo er am 1. April 1970 zum ersten Mal als Komparse mit auf der Bühne stand. Seitdem weiß man, dass der opernbegeisterte Kindel auch kurzfristige Engagements möglich macht. Und dass er eine weibliche Begleitung im Zweifel gleich mitbringen kann: seine Frau Waltraud, die in die Rolle von Jan Wellems zweiter Ehefrau Anna Maria Ludovica aus dem Hause der Medici schlüpfte.

Auch sie eine Darstellerin mit viel Bühnenerfahrung als Komparsin. Ja, selbst die beiden - heute 28 und 30 Jahre alten - Töchter konnte Jürgen Kindel für die Oper begeistern. Und mehr als einmal stand die ganze Familie zusammen auf der Bühne - zuletzt vor drei Jahren in der Oper "Salome". "Ich bin froh", sagt Klassikliebhaber Kindel heute, "dass ich meinen Töchtern so etwas von den Werken der Klassik vermitteln konnte."

An jenem beinahe schicksalhaften 1. April 1970 wollte Kindel mit einem Freund eine Tour durch die Altstadt machen. Der bestand auf einem Abstecher zur Oper - weil er noch einen Auftritt hatte. Kindel begleitete ihn und kam dem Statistenführer gerade recht.

Dem fehlte noch Personal. Kindel wehrte sich und war 30 Minuten später Teil der Hochzeitsszene in Lortzings "Zar und Zimmermann". Ein kleines Mädchen - "Heute eine dreifache Mutter", wie Kindel weiß - nahm den Jungmimen damals an die Hand und zeigte ihm, was zu tun war. Und als beide wie von der Regie gefordert den Brautvater begrüßten - sah Kinkel seinem Nachbarn ins erstaunte Auge. Auch er ein Komparse. Wer hätte das gedacht.

In 60 Opern hat der gelernte Stahlkaufmann Jürgen Kindel, der erst in Düsseldorf und zuletzt bei der Universal AG in Neuss arbeitete, seitdem mitgewirkt. Und mehr als einmal erlebte er Monate, in denen er an 30 Tagen 40 Mal in der Oper war; zu Proben oder Aufführungen.

Irgendwann holte ihn seine Frau dort ab und wurde an der Portiersloge, wo sie auf ihn wartete, vom Fleck weg für eine Aufführung von Beethovens "Fidelio" verpflichtet. Und die Kinder kamen an Bord, als die Oper "Oberon" von Carl Maria Weber gegeben wurde. Mehr Anhänger konnte Kindel für die Oper kaum gewinnen. Ein Kollege gönnte sich einmal ein Abo, das wars dann auch.

Spontaneität ist in all den Jahren eine Tugend gewesen, die Kindel oft beweisen musste. Etwa als der Regisseur, während die Ouverture für "Dornröschen" schon lief, den mit Helm und Schild gepanzerten Kindel noch schnell mit einem Sonderauftrag überraschte. Oder als er einspringen musste und statt der erwarteten Instruktionen nur den Ruf hörte: "Bühne frei". Zur Spontaneität kam die Praxis und mit ihr diePräzision. Ergebnis, so Kindel: "Ich durfte drei bis vier Mal in ,Don Carlos' den Marquis Posa erschießen.". Denn da kam es auf Genauigkeit an.

(NGZ)
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