Die chinesische Künstlerin Huang Jing Yuan im Kunstraum Neuss

Ausstellung in Neuss: Installation aus Malerei  und Tondokumenten

Die chinesische Künstlerin Huang Jing Yuan widmet sich im Kunstraum seinem Gründer Günter Meuter und dem Brauchtum.

Eine renommierte chinesische Künstlerin schlägt eine Brücke zum Neusser Schützenfest: Was hinter dieser außergewöhnlichen Allianz steckt, offenbart sich ab heute im Kunstraum. Bei der Vernissage zur Ausstellung „Was vermisse ich? Wege zur Gemeinschaft“ wird am Abend das erste Residenz-Programm aus der Taufe gehoben, das die Stadt mit dem Arbeitskreis Regionalkultur am Niederrhein realisiert. Für die Premiere schlug der Kulturverein „Taifun Project“ die Malerin und Literatin Huang Jing Yuan aus Peking vor. Seit dem 1. Mai hält sie sich in Neuss auf, wohnt bei zwei Gastfamilien und suchte nach Inspirationen für ihre in drei Themenbereiche eingeteilte Schau. In diesen Wochen entstanden zwei großformatige Gemälde und eine Reihe von Tondokumenten, die den erwünschten regionalen Bezug herstellen.

Huang Jing Yuan vor ihrer Bearbeitung
Huang Jing Yuan vor ihrer Bearbeitung eines Cranach-Gemäldes. Sie freut sich auf Gespräche mit Besuchern. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Huang Jing Yuan orientierte sich zum einen an der schillernden Lokal-Legende Günter Meuter, der den Kunstraum einst begründet hatte. Sie spürte Zeitzeugen auf und fragte sie nach ihren Erinnerungen. Das Interview-Band lässt sie nun in dem größeren der beiden Räume abspielen. Wer hinhört, kommt der Person Günter Meuter näher, erfährt Spannendes und Kurioses. Er sei ein Pumpgenie gewesen, heißt es da, ein Hobbybaulöwe, ein Pleitier mit riesigem Schuldenberg. Aber so charmant! „Die Frauen hingen ihm am Hals“, erzählt eine weibliche Stimme. Meuter habe in seiner Wohnung eine Art Weihnachtsausstellung beherbergt, mit sechs oder sieben Tannenbäumen, die das ganze Jahr über in voller Dekoration dastanden.

„Er muss eine kontroverse und komplexe Persönlichkeit gewesen sein“, vermutet Huang Jing Yuan mit unverhohlener Bewunderung. „Sein Körper ist nicht mehr hier, aber sein Geist lebt weiter. Ihn will ich zurückrufen.“ Darum nennt sie dieses Kapitel auch „I am here“.

Greifbarer sind für sie die Schützen, obwohl diese Welt des deutschen Brauchtums ihr zuvor völlig fremd war. Sie weiß aber, dass die Neusser Schützen gern den idyllischen Biergarten des kleinen Museums aufsuchen. Diese Verbindung nutzt sie zu einer Ermunterung der Besucher.

  • Wie stark leidet Derikum tatsächlich unter
    Nachhilfelektion für die Kommunalpolitik : Absage an Logistikfirmen in Derikum

Links neben dem Eingang hat die Künstlerin im ersten kleinen Raum Skizzen und Notizen zum Schützenfest in Klarsichthüllen verpackt und an Kleiderbügeln aufgehängt. „Bei meinen Interviews wussten manche erst nichts zu sagen und wehrten ab“, berichtet sie. „Aber als ich nicht locker ließ, kam auf einmal ganz viel.“ Auf dem „table for food“ erhofft sie sich weitere Beiträge und Meinungen. Das die ganze Wand einnehmende Bild hat sie nach einem beim Volksfest entstandenen Schnappschuss gemalt, aber nur einen Ausschnitt davon verwendet - Frauen in bunt gemusterten Sommerkleidern.

In dem großen leeren Raum hängt ganz hinten ihr zweites Gemälde, das der Betrachter zunächst nur schemenhaft wahrnimmt. Erst wenn er den Bogen auf die Rückseite nimmt, teilt sich ihm mit, was Huang Jing Yuan mit „I was here“ geschaffen hat. Sie verfremdete ein Ölgemälde von Lucas Cranach, das Portrait von Ana Cuspinian-Putsch. „Eine reiche, schön gekleidete Dame aus der Renaissance“, beschreibt sie. „Für mich trägt sie ein Geheimnis in sich, da sind lauter unerzählte Geschichten.“

Bis zum 17. Juli ist Huang Jing Yuan zu den Öffnungszeiten im Kunstraum anzutreffen und freut sich auf lebhafte Dialoge mit den Besuchern. Englisch spricht sie seit ihren Studienjahren in den USA fließend. Danach will sie ein wenig durch Deutschland reisen, zur Finissage am 7. August aber wieder nach Neuss zurückkehren.